Bei einem Jugendprojekt von Staatsoper, MusikZentrum Hannover und TVN stehen 50 Jugendliche vor der Kamera und erzählen Wagners Rheingold in Form von vier Musikvideoclips.

Der Nibelunge Alberich als dicklicher Junge, der sich einer Gruppe attraktiver Teenagerinnen zu nähern versucht, von diesen aber mit üblen Beleidigungen zurückgewiesen wird? Wotan als Anführer einer coolen Frauengang, die im jugendlichen Überschwang einen Fernsehsender stürmt?
Warum nicht! Im Projekt Rheingold – Der Film, einer Zusammenarbeit von Staatsoper, MusikZentrum Hannover und TVN GROUP Film- und TV-Production, die von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und dem Musikland Niedersachsen bereits den Förderpreis Musikvermittlung 2009 verliehen bekommen hat, soll es darum gehen, für die emotionalen Grundsituationen in Wagners Das Rheingold Bilder aus der Welt von Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren zu finden. Und von einem hübschen Mädchen zurückgewiesen und auch noch wegen der eigenen Körperlichkeit ausgelacht zu werden – das passiert beileibe nicht nur in den Fantasiewelten Richard Wagners!
Ein spielerischer Umgang mit den Inhalten und der Musik von Das Rheingold soll in vier Videoclips münden, die die Geschichte vom verspotteten Alberich und seiner zerstörerischen Wut, von Wotans Überheblichkeit und den daraus entstehenden Konflikten über ein typisches Medium der modernen Popkultur erzählen wollen.
Die vier Jugendlichen der Jugendband „Violent Girls“ sind schon eifrig dabei, an den vier Songs zu proben, die sie unter der Anleitung von Christoph van Hal, Trompeter bei „Wir sind Helden“ und Lead-Sänger der Gruppe „Tanner“, zu den vier Szenen von Wagners Oper geschrieben haben und die als musikalische Grundlage der Videoclips dienen.
Neben der Band bereiten sich etwa 50 Jugendliche verschiedenster sozialer und nationaler Herkunft in den kommenden Wochen intensiv auf die insgesamt acht Drehtage im April und Mai vor. Dabei galt es zunächst, die Teilnehmer für ein derartiges Projekt zu begeistern, denn für sie ist Oper zunächst einmal langweilig und doof, etwas für Opas und Omas, oft aber auch einfach nur die Kultur der besser verdienenden Schichten.
Federführend bei der Organisation und der Kommunikation mit Gesamtschulen und Jugendzentren ist das MusikZentrum Hannover, das auf eine langjährige Erfahrung im Bereich der Jugendarbeit zurückblicken kann und 2008 gemeinsam mit der Staatsoper und der Stadt Hannover die Rap-Oper „Culture Clash – Die Entführung“ mit 80 Jugendlichen zur Aufführung brachte – ein Projekt, das nicht nur den pro visio-Preis der Stiftung Kulturregion Hannover 2008 gewonnen hat, sondern auch über die Grenzen Hannovers hinaus für Aufsehen sorgte. Wie schon vor zwei Jahren ist auch bei Rheingold – Der Film die TVN GROUP Film- und TV-Production mit im Boot, die das Projekt in noch größerem Umfang als bei der Rap-Oper mit dem notwendigen Equipment und technischen Know-how unterstützt. Unter der Anleitung von Profis werden Auszubildende eine DVD produzieren, die Jugendlichen, ausgehend von den vier Musikclips, mit allerhand Begleitmaterial das Phänomen Oper auf lockere Art näher bringen soll.
Für die Umsetzung der Musikclips konnte als leitende Dozentin im Bereich Regie die namhafte Regisseurin Franziska Stünkel gewonnen werden, deren Kinospielfilm „Vineta“ (mit Peter Lohmeyer und Ulrich Matthes) mit mehreren Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet wurde.
Bei der Auftaktveranstaltung am 22. Februar 2010 auf der Probebühne des Opernhauses sollte also zuallererst die Begeisterung der Jugendlichen für eine ihnen noch unbekannte Materie geweckt werden. Die Handlung des Rheingold im Schnelldurchgang, ein Ausschnitt aus der gewaltigen Musik von Richard Wagner, ein von den „Violent Girls“ live gespielter Song, ein Musikvideoclip von Christoph van Hal und Filmmaterial von Franziska Stünkel, aber auch schon eine kleine gemeinsam einstudierte Choreographie und eine kurze Stomp-Passage als Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird – an abwechslungsreichen Eindrücken hat es in den anderthalb Stunden des „Kick off“ im Opernhaus nicht gefehlt. In verschiedene Gruppen eingeteilt trainieren die Jugendlichen in den kommenden Woche eine Choreographie (die möglicherweise im Wasser stattfinden wird?!), studieren eine Stomp-Nummer ein und üben sich im Kampftraining, damit die große Schlacht zwischen „Göttern“ und „Nibelungen“, zwischen Wotans und Alberichs Gang so gefährlich wie möglich aussieht, ohne dass sich jemand dabei verletzt. Denn spätestens wenn Franziska Stünkel „Achtung! Und Action!“ ruft, muss alles sitzen.
Ulrich Lenz
ring-blog.de



