Aus dem Orchestergraben



Das Getöse der Ambosse

Ambosse_1225Eine der spektakulärsten Verwandlungen in Wagners Ring des Nibelungen findet vom zweiten in die dritte Szene des Rheingold statt: der Abstieg Wotans und Loges von der „Freien Gegend auf Bergeshöhen“ nach Nibelheim, von luftigen Götterhöhen in die Niederungen der Schmiede Alberichs.

Musikalisch wird diese Schmiede durch ein selten verwendetes Instrument des Schlagwerks dargestellt: „18 Ambose hinter der Scene“ sind in der Partitur vorgesehen, je dreimal verlangt Wagner „3 kleinere“, „2 größere“ und „1 ganz großen“ Amboss, die auf dem Ton f in drei Oktavlagen notiert sind.

„Wachsendes Geräusch wie von Schmiedenden wird überall her vernommen“, lautet die Szenenanweisung in der Partitur, die musikalisch mit einem Crescendo über zwölf Takte vom Piano zum Fortissimo unterstützt wird. Es folgt ein 16-taktiges Diminuendo ins Pianissimo: „Das Getöse der Ambose verliert sich.“ Nur 28 Takte dauert also der Einsatz der neun Schlagzeuger, die im Besetzungszettel der Staatsoper Hannover aufgeführt sind! Die Frage des Aufwandes hat Richard Wagner weniger interessiert als die spektakuläre Wirkung, die diese Szene bei seinen Zeitgenossen gehabt haben muss – man vergegenwärtige sich das Zeitalter der frühen Industrialisierung, ungefähr 100 Jahre vor dem Aufkommen des Heavy Metal.

Doch woher kommt das „Getöse“?, mag sich mancher Besucher im hannoverschen Opernhaus gefragt haben. Wir haben uns fürs Ring-Blog auf die Suche gemacht. Schlüssel Nr. 25 vom Pförtner öffnet die Tür – „Unbefugten ist das Betreten des Maschinenraumes verboten“ – in die Untermaschinerie unter dem Orchestergraben. Der erste Eindruck: hier ist Nibelheim! Dieselben Hydraulik-Schläuche, dieselbe Düsternis wie im Bühnenbild von Klaus Grünberg 4,80 Meter weiter oben auf der Bühne. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich: Hier wird gut organisiert musiziert. 18 Hammer unterschiedlichster Ausführung liegen bereit, 3 echte Ambosse und darüber hinaus Stahlringe und Metallplatten aller Form. Ausgesucht wurden sie ausschließlich nach Klangeigenschaften. „Wir haben auch zwei Straßenbahnschienen, die klingen am besten“, versichert Orchesterwart Matthias Hartmann. Wie diese in den Instrumentenfundus gelangt sind, weiß er allerdings nicht. Schon bei der letzten Aufführung des vorherigen Ring-Produktion vor zehn Jahren waren sie im Einsatz.

Der Eindruck in der Aufführung, der Klang komme über Lautsprecher in den Zuschauerraum, täuscht – und täuscht doch wieder nicht. Tonmeister Bernhard Helmdorf nimmt die Klänge in der Untermaschinerie zwar auf, doch sie werden nicht verstärkt, sondern lediglich mit Hall versehen durch die Surround-Lautsprecher des Opernhauses wiedergegeben. Crescendo und Diminuendo kommen ausschließlich von den Musikern. Und auch direkt findet der Klang der Ambosse seinen Weg von dem Raum tief unter dem Orchestergraben in den Zuschauerraum.

Und was passiert nun, nachdem die letzte Vorstellung Das Rheingold in dieser Spielzeit stattgefunden hat, bis zur Wiederaufnahme am 7. Oktober 2010? Ambosse, Stahl und Straßenbahnschienen warten nicht am Grunde des Orchestergrabens über die Sommerpause auf ihren nächsten Einsatz, sondern werden von den Orchesterwarten eingesammelt, im Instrumentenfundus gelagert und zu den Wiederaufnahme-Proben wieder eingerichtet.

Swantje Gostomzyk




Filmoplast und Ringbindung

Orchestergraben01, Foto: Thomas M. JaukNicht nur auf der Bühne ist alter Stoff in neuem Gewand zu bewundern. Bei Das Rheingold lohnt sich auch ein Blick in den Orchestergraben, denn wie auf der Bühne so ist auch hier ein wahrer Schatz zu entdecken: die Orchesternoten. Aus dem Jahr 1935 stammen die Notenhefte, aus denen das Niedersächsische Staatsorchester spielt, und sie erzählen eine ganz eigene, eine Orchestergeschichte des Rings.

Damit die betagten Hefte auch für zukünftige Inszenierungen noch zur Verfügung stehen, werden sie in aufwendiger Handarbeit restauriert. Jedes einzelne Notenheft wird mit sogenanntem Filmoplast – ein durchsichtiges, wasserabweisendes aber beschriftbares und vor allem alterungsbeständiges Klebeband – abgeklebt. Daraufhin wird die alte Klebebindung aufgeschnitten und gegen eine robuste Ringbindung ausgetauscht. Diese Mühe machen sich Doris Kraus, Bibliothekarin in der Staatsoper, und hilfsbereite Studenten. Und die Mühe ist es wert, denn die zahlreichen handschriftlichen Eintragungen, die über die Jahre in den Notenheften gemacht wurden, helfen den Musikern bei der Einstudierung. Doch nicht nur eingetragene Crescendi und Decrescendi, Taktzahlen oder Einsätze sind Grund für die Erhaltung dieser Noten. „Die Musiker sind sehr stolz auf das alte Material“, so Doris Kraus. Die letzte handschriftliche Ausgabe von 1911, es handelt sich um eine Paukenstimme die noch mit dem königlichen Theaterstempel versehen wurde, zeugt von diesem Stolz: Auf der letzten Seite haben sich die Musiker mit ihrer Unterschrift und dem Datum der jeweiligen Aufführung verewigt.

Maike Grimm