Mein Ring



Mein Ring: Uwe Glaser

Uwe GlaserUwe Glaser, in Hannover geboren, in Bremen zur Schule gegangen, ist gelernter Bürokaufmann. Zu seinen großen Leidenschaften gehört die Oper, live oder aus der Konserve. Er zählt nicht nur zu den treuen Besuchern unseres Hauses, sondern auch zu den interessierten Teilnehmern des gemeinsam mit der Staatsoper veranstalteten VHS-Kurses „Keine Angst vorm Ring“. Die „Angst vorm Ring“ ist ihm allerdings schon in jungen Jahren genommen worden …

Meine Eltern waren der Meinung, dass man nicht unbedingt mit Wagner beginnen sollte. So war Mozarts Zauberflöte meine erste Oper. Aber schon bei meinem vierten Opernbesuch sollte es Die Walküre sein. Das war in Bremen, in der Saison 1970/71, und ich war damals 15/16 Jahre alt. Danach habe ich die Ring-Übertragungen im Radio manchmal heimlich, ohne Wissen meiner Eltern, verfolgt. „Ja, Wagner verdirbt die Jugend“, so sagten manche angeblichen Opern Liebhaber damals.

Anfangs reflektierte ich bei meinen Opernbesuchen die Opern selbst kaum. Ich hatte mich damit noch nicht genauer beschäftigt. In Bremen gab es Die Walküre nur kurz. Ich weiß nicht mehr, ob es überhaupt geplant war, den gesamten Ring aufzuführen.

Danach sollte es acht Jahre dauern, bis ich erneut die Gelegenheit hatte, den Ring zu sehen, und zwar in Hannover, in der Saison 1978/79. Ich erinnere mich vor allem, dass es für mich ein ganz anderes Erlebnis war als damals in Bremen. Ich war jedes Mal völlig begeistert. Von der Darstellung der Sängerin der Brünnhilde war ich am meisten fasziniert: Ute Vinzing. Sie ist für mich bis heute eine der bedeutendsten Interpretinnen auf der Bühne geblieben.

Dann war in den Jahren 1981 bis 1983 die Chéreau-Inszenierung aus Bayreuth im Fernsehen zu sehen. Natürlich saß ich gebannt vor dem Bildschirm und staunte nicht schlecht, was dort so alles geboten wurde. Da war alles so anders, dass mir meine bisherigen Erfahrungen fast provinziell vorkamen. Aber ich war auch erstaunt, dass sich die „Wagnermafia“ bei der Premiere 1976 so respektlos aufgeführt hatte. Dennoch soll es nach der Schlussvorstellung der Götterdämmerung 1980 neunzig Minuten Standing Ovations geben haben. Es kann ja nicht nur der Walkürenfelsen gewesen sein, der ab 1977 anders dargestellt wurde!

Mit einem Ring in Seattle verbinde ich eine ganz besondere Erinnerung. Zwar habe ich ihn nicht gesehen, aber als ich in Berlin Frau Vinzing traf, schenkte sie mir interessanterweise einen Scherenschnitt der Brünnhilde aus dieser Inszenierung, den ich bis heute als besonderes Andenken bewahre. In den späten 80er Jahren wurden auf Radio Bremen 2 mehrere Ringe übertragen, die ich eifrig mitschnitt – damals noch auf Tonbandkassetten. Ebenso fiel in diese Zeit mein Kauf des legendären „Solti-Rings“, den ich im Plattenladen um ganze 50 DM herunterhandeln konnte!

Gespannt warteten wir alle auf den „Friedrich-Ring“ an der Deutschen Oper Berlin. Da das Bühnenbild an die US-TV Serie „The Time-Tunnel“ erinnerte, hatte er bald den liebevollen Beinamen „Der Time-Ring“. Von Friedrich war es gar nicht so gewollt, er hatte vielmehr eine Washingtoner U-Bahn-Station vor Augen, auf die er von einem Freund hingewiesen worden war. So hatte ich es zumindest damals im Programmheft gelesen und im Herbst 2010 bei einer Friedrich-Gedächtnis-Veranstaltung auch noch einmal so gehört. Nach dem Besuch einzelner Teile konnte ich den „Time-Ring“ erst im Mai 1990 auch als Zyklus sehen.

Von 1991 bis 1993 schmiedete Hans-Peter Lehmann an der Staatsoper Hannover seinen Ring. Hier konnte ich drei Zyklen bewundern. Das Haus besetzte aus eigenen Kräften. Was für eine Leistung!

Natürlich habe ich auch Das Rheingold und Die Walküre in der neuen Inszenierung von Barrie Kosky gesehen. Auch habe ich den hervorragenden VHS-Kurs „Keine Angst vorm Ring“ besucht. Ich hatte zwar keine Angst, aber das Werk ist so komplex, dass man nach 40 Jahren Ringerlebnissen immer noch etwas Neues entdecken kann. Um alles noch besser zu verstehen, habe ich mir unlängst die Zeit genommen, alle meine zahlreichen Ring-Aufnahmen noch einmal durchzuhören und dabei auch immer brav eine Stunde Pause zwischen den Akten gemacht – wie in Bayreuth! Das Libretto war natürlich immer mit dabei.

Ich bin jetzt schon gespannt, wie der hannoversche Ring weitergeht und endet. Und freue mich jetzt schon auf die zyklische Aufführung am Ende der Spielzeit!



Mein Ring: Stefan Mauß

Stefan MaußStefan Mauß ist Hannover und seiner Oper seit seiner Geburt 1963 relativ treu. Nach der frühen Erkenntnis, weder am Klavier noch mit seinem Bass einen Blumentopf gewinnen zu können, verlegte er sich wie viele verhinderte Künstler auf das Schreiben über Musik. Nach Anfängen bei der HAZ, den Niedersächsischen Musiktagen und dem NDR begann er als Autor bei der Fachzeitschrift Das Opernglas (Hamburg), für die er seit vielen Jahren Monat für Monat über Merk-Würdiges aus der Opernszene von A(arhus) bis Z(ürich) berichtet.

Es gibt wohl keinen würdigeren Ort und Zeitpunkt für diesen Beitrag zum Ring-Blog der Staatsoper Hannover. Ich sitze am 11. April im Regionalexpress von Nürnberg nach Bayreuth, auf dem Weg zur Trauerfeier für Wolfgang Wagner im dortigen Festspielhaus. Und nirgends kann man konzentrierter über die Frage nachdenken: „Was verbindet mich mit dem Ring des Nibelungen?“

Etwas Ungewöhnliches zunächst: Ein vorsätzlicher Hausfriedensbruch gemeinsam mit einem angehenden Staatsanwalt ist mein bislang prägendstes Erlebnis mit Wagners Ring. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht etwas ungewöhnlich, aber zum Stück passt es perfekt: Schließlich begeht Göttervater Wotan ja zusammen mit Loge ebenfalls nichts anderes als einen Hausfriedensbruch in Nibelheim – und das soll in den folgenden 13 Stunden bekanntermaßen auch nicht der letzte Gesetzesbruch in der Tetralogie bleiben.

Natürlich hatte auch ich davor eine „Wagnervorgeschichte“, wünschte mir den Solti-Ring auf Schallplatten zusammen und hatte hier in Hannover als Schüler schon die einzelnen Ring-Teile in der damals schon sehr verstaubten Reinhard Lehmann-Inszenierung gesehen – bis auf die Götterdämmerung. Dann wurde 1983 meine Schwägerin schwanger (wenn man über den Ring schreibt, kommen die Alliterationen von ganz allein), und ich durfte meinen älteren Bruder an ihrer Stelle nach Bayreuth zu Götz Friedrichs Inszenierung des Parsifal und Jean-Pierre Ponnelles zauberhaft schönen Tristan begleiten.

Die Ankunft in Bayreuth desillusionierte mich zunächst. Ab Nürnberg zuckelte der Bummelzug endlos Richtung Bayreuth und gegen unser Zimmer im dortigen „Gasthof Vogel“ erschienen mir die Jugendherbergen auf Klassenfahrten wie das Hotel „Adlon“. Beim ersten Anblick des Festspielhauses im Original war das aber alles sofort vergessen. Obwohl wir erst Karten für den nächsten Tag hatten, machten wir natürlich sofort nach dem Kofferauspacken dem Hügel unsere Aufwartung. Das taten wir selbstredend zu Fuß wie einst Toscanini, der seinen Chauffeur im Wagen allein mit den Worten sitzen ließ: „Bei Wagner fährt man nicht vor, dahin pilgert man zu Fuß!“

Es war der Abend der Götterdämmerung-Premiere, Sir Georg Solti dirigierte seinen ersten und einzigen Sommer in Bayreuth. Das wussten damals aber weder er noch die Öffentlichkeit. Dass gerade dieser Wagner-Experte am Grünen Hügel mit seinem Konzept nach nur einer Saison scheitern sollte, muss man heute zwar als besondere Ungerechtigkeit der Musikgeschichte werten. Aber der Grüne Hügel hatte schon von jeher seine eigenen Gesetze. Das Medieninteresse war natürlich enorm: Übertragungswagen aus aller Herren Länder umringten das Festspielhaus, und lauernd lugten mein Bruder und ich durch die kleinste Klinze der Tür des kanadischen Radiobusses, wo wir auf einem Kontrollmonitor in schwarz-weiß den ersten Aufzug nicht nur hören sondern auch sehen konnten. Die Kanadier hatten Mitleid mit den verrückten deutschen Jung-Wagnerianern und baten uns netterweise herein. Dadurch hatten wir jetzt natürlich erst richtig Ring-Blut geleckt und in der ersten Pause ging es uns dann mit dem Festspielhaus so wie einem späteren Bundeskanzler mit dem Kanzleramt: Wir wollten da rein! Egal wie.

Wir mussten also den Pfad der Legalität ein wenig verlassen. Mein großer Bruder kannte einen Schleichweg, den er schon als Schüler genutzt hatte. Eine alte, mit heiligem Rost patinierte Drehtür hatte etwas Spiel in beide Richtungen und mit etwas Geschick und damals rankem Körperbau befanden wir uns in einer anderen Welt: auf dem Gelände des Festspielhauses. Wir schritten kaum, doch wähnten uns schon weit … Unser Ziel hatte mein Bruder mir schon vorher definiert: der Beleuchterturm auf der rechten Bühnenseite. Was jetzt folgte, war für mich der „Wagner-Overkill“: Durch den unterirdischen Verbindungsgang näherten wir uns dem Bühnenhaus. Dieser Gang macht jedem Wagnerianer und vor allem jedem Künstler weiche Knie: An seinen Wänden hängen beidseits Porträts aller Dirigenten, die je in Bayreuth dirigiert haben. Doch damit nicht genug. Da wir offensichtlich nicht wie hinterhältige Hausfriedensbrecher aussahen, wurden wir von allen uns entgegenkommenden herzlich begrüßt, Siegfried Jerusalem, der damals noch den Stolzing sang, war der Erste, den wir trafen. Dann erreichten wir endlich die Treppe zum Beleuchterturm. Wir mussten weichen, denn sie wurde komplett ausgefüllt durch den uns in Kostüm und Maske entgegenkommenden Aage Haugland, der den Hagen sang und auch so aussah. Zwischendurch ermahnte mein Bruder mich immer wieder, mir den Rückweg genau einzuprägen, da Festspielleiter Wolfgang Wagner damals noch sehr flink zu Fuß war und mit einer Taschenlampe schon einmal auf die Suche nach Eindringlingen in sein Walhall ging. Aber wir bewegten uns sicher wie mit Tarnhelmen durch das Haus und kamen schließlich auf dem Turm an. Es bot sich eine exzellente Sicht, im zweiten Aufzug in Peter Halls Inszenierung war dort zudem ein Auftrittspunkt für die Solisten: Für Siegfried und Gutrune macht man ja gerne einmal Platz. Es war schon ein faszinierender Gedanke, einmal einen Schritt nach vorne zu machen und unversehens in den Fokus der Wagner-Welt treten zu können oder einfach Siegfried am Ärmel festzuhalten, um ihn am todbringenden Eid zu hindern. Teile der Bayreuther Ring-Geschichte hätten neu geschrieben werden müssen. Wir sahen natürlich davon ab, es passierte ja auch zu viel anderes. Nach der Speereidszene etwa eilte Siegfried-Darsteller Manfred Jung erbost wieder von der Bühne an uns vorbei mit den mir unvergessenen Worten: „Dieser Solti sollte sich erst mal die Noten kaufen!“ Ich war schockiert: so sprach man doch nicht über das Dirigentenidol meiner Jugend, vermied aber natürlich die Diskussion mit dem Wälsungensproß. Zum Aufregen blieb auch kaum Zeit, denn die zweite Pause wollten wir möglichst unverdächtig verbringen und schummelten uns in die Künstlerkantine: Zwischen Peter Hofmann und Hans Sotin an der Kassenwarteschlange zu stehen war auch ein unvergesslicher Teil dieses sehr realen Wagner-Märchens. Zugleich starb aber dabei auch ein wenig das romantisch verklärte Bild der Oper und wich einer gewissen Backstage-Realität: Selbst ein Gralskönig muss sich in Bayreuth für einen Pausenkaffee anstellen– und dass Gralshüter Gurnemanz am nächsten Tag während der Aufführungspause Bayreuther Maisels-Weißbier trank, überraschte mich ebenfalls ein wenig, erklärte aber auch, aus welchen Quellen der Gral seine wirkliche Kraft bezog.

Nach der lechzenden Labung in der Pause ging es wieder auf „unseren“ Turm, und wir erlebten einen der spektakulärsten Umbauten der Bayreuther Geschichte mit. Sir Georg Solti hatte sich für seinen Ring Feuer, Wasser und Wald gewünscht. Für Auf- und Abtritt der Wassermassen wurde eigens eine gigantische Zisterne unter der Bühne installiert, so etwas gibt es auch nur in der Werkstatt Bayreuth. Für die Rheintöchter hatte das Produktionsteam einen besonders genialen Einfall: Die Damen tummelten sich in einem flachen Pool am Bühnenboden, der dann mittels großer Spiegel auf den Portalschleier in die Senkrechte projiziert wurde. So bekam der Zuschauer die Vorstellung, Flosshilde und Co. würden vom Grund des Rheins bis zur Wasseroberfläche schwerelos schweben, während sie in Wirklichkeit nur ein wenig im Bassin planschten. Unser Versteck befand sich nun nicht so weit von der Wasseroberfläche entfernt und es nahten die Rheintöchter in Bademänteln – ich hatte mich schon immer gefragt, wie sich diese Wesen auf dem Grunde des Rheins vor Verkühlungen schützten. Dann sahen wir wieder etwas, das den Premierenbesuchern vorenthalten wurde: Wolfgang Wagner half, ganz Kavalier alter Schule, den jungen Damen aus den Mänteln, unter denen sie nichts als ein skeptisches Lächeln trugen, denn sie Temperatur des Wassers hätte wohl etwas höher liegen dürfen. Aber welche Opfer bringt man nicht für Bayreuth? Sie stiegen wie Gott, Pardon, Wotan, sie geschaffen hatte in den Pool. Es ging ganz anders aufregend weiter: Der finale Weltenbrand war nicht weniger aufwendig: Eine gigantische Hub-Hydraulik machte den Bühnenboden zur Bühnendecke, es war nun endgültig um mich geschehen: Der Ring hatte mich durch diesen Hausfriedensbruch nun komplett in seinen Bann gezogen.

Noch wagte ich nicht davon zu träumen, dass ich später auch beruflich häufig nach Bayreuth zurückkehren dürfte. Inzwischen habe ich auch Katharina Wagner längst diesen pubertären Hausfriedensbruch persönlich gestanden und schmunzelnd Absolution von ihr erhalten, so dass mich dieses Outing hier im „Ring-Blog“ nicht den Kopf kostet. Aber dennoch bleibt dieser erste und illegale Götterdämmerungs-Besuch einzigartig.

Und nach der Trauerfeier bin ich exklusiv für die Blog-Leser natürlich noch auf die Suche gegangen. Es gibt sie noch die alte Drehtür! Allerdings hat man neben diese ein ständig besetztes Pförtnerhäuschen gebaut, an dem man ohne Hausausweis höchstens noch mit einer Tarnkappe vorbei kommt. Und damit wären wir schon wieder beim Ring – man kommt einfach nicht davon los.



Mein Ring: Ulrich Lenz

Ulrich Lenz, Foto: Christian BrachwitzUlrich Lenz, in Schwäbisch Gmünd geboren, studierte Musikwissenschaft, Theaterwissenschaft und Kunstgeschichte in München, Berlin und Mailand. Während seines Italienaufenthaltes berichtete er als Korrespondent der WELT regelmäßig über kulturelle Ereignisse in Oberitalien. Nach Stationen in den Dramaturgien der Staatsoper Stuttgart, in Linz und Mannheim kam er 2006 als Chefdramaturg an die Staatsoper Hannover. Das Rheingold ist nach Peter Grimes (2007) und Aus einem Totenhaus (März 2009) seine dritte Produktion zusammen mit Regisseur Barrie Kosky.

Mein Weg nach Walhall war weit!

Das Reich der Oper öffnete mir bereits in jungen Jahren – nein, nicht Meister Mozart, sondern ausgerechnet Wagners angeblicher „Antipode“: Giuseppe Verdi! Kein Wunder, dass es die episch auswuchernden Erzählungen des am liebsten in Samt und Seide gekleideten Bayreuther Meisters zunächst schwer hatten gegen die knappe und konzise dramatische Treffsicherheit des Bauern von Roncole. Bis zum Fliegenden Holländer und zum Tannhäuser konnte ich Wagners musikdramatischer Sprache folgen, aber schon beim Lohengrin fand sich beim besten Willen kein Schwan, der mich hätte übersetzen können ins Reich der „Zukunftsmusik“. Wie gut verstand ich da wiederum Verdi, der sich in seinen Klavierauszug vom Lohengrin über die berühmte Gralserzählung ein lapidares „lungo“ (lang) notiert hatte!

Im Rahmen meines Studiums der Musikwissenschaft flößte mir ein Proseminar bei Prof. Egon Voss, dem Mitherausgeber der Kritischen Gesamtausgabe aller Werke Richard Wagners allenfalls Ehrfurcht ein, konnte jedoch kaum echte Begeisterung wecken: Angeblich zentrale Begriffe des Wagnerschen Schaffens wie die „Kunst des Übergangs“ oder die „musikalisch-dichterische Periode“ blieben mir ebenso unverständlich wie die seltsamen Runen von Alfred Lorenz’ endlosen ABBACDABB-Schemata.

Die erste eingehendere Beschäftigung mit Wagners opus magnum sollte bezeichnenderweise bei den Theaterwissenschaftlern erfolgen, im Blockseminar Der Ring des Nibelungen bei keinem Geringeren als Prof. August Everding. Dessen reichhaltige Erinnerungen aus mehreren Jahrzehnten Regiearbeit mit den berühmtesten Sängern und Dirigenten waren zwar ebenso spannend wie unterhaltsam, trugen allerdings nicht dazu bei, mir die weitverzweigte Handlung der Tetralogie in all ihren Aspekten restlos verständlich zu machen. Immerhin erhielt ich zumindest eine erste Ahnung davon, dass es sich beim Ring um einen außergewöhnlichen, weil außergewöhnlich durchdachten Opernplot handelte, der – zugegebenermaßen – das alt erprobte Dreier-Schema vieler Verdi-Opern (George Bernard Shaw: „The tenor and the soprano want to make love, and the baritone tries to prevent them.“) ein wenig dürftig aussehen ließ.

Gleichzeitig glaubte ich zu erkennen, dass sich der tetralogische Riesenwurm trotz seiner Länge von über 16 Stunden leichter als befürchtet in den Griff kriegen ließe, wenn man erst einmal den zum Verständnis notwendigen Grundwortschatz, sprich: sämtliche Leitmotive, auswendig gelernt hätte und jederzeit wiedererkennen könnte.

Ganz so spielerisch sollten sich Freias goldene Äpfel aber dann doch nicht pflücken lassen. Denn: wohl geben die Leitmotive im Ring „den Ton an“, sie allein jedoch machen noch nicht die Musik! Und obwohl sich mir der Lohengrin mittlerweile erschlossen hatte, blieb doch Verdis apodiktisches „lungo“, zumindest was den Ring betraf, weiterhin gültig für mich.

Ausgerechnet ein mir bedauerlicherweise nicht mehr namentlich bekannter bekennender Wagnerianer sollte schließlich „der Brücke den Weg weisen“, indem er mir riet, sich nicht durch die „Wichtigtuerei“ der Wagnerschen Musik in die Enge treiben zu lassen. So sehr er diese Musik auch liebe – gestand er mir freimütig – auch er könne einer Aufführung der Götterdämmerung nicht sechs Stunden lang ununterbrochen konzentriert folgen. Aber warum denn auch! Die besuchte Aufführung werde ja sicherlich nicht die letzte Götterdämmerung sein, die er in seinem Leben zu sehen bekomme. Und außerdem: selbst innerhalb ein und derselben Oper der Tetralogie ließe es sich Meister Wagner ja nicht nehmen, das ein oder andere sowohl textlich als auch musikalisch mindestens einmal zu wiederholen. Er selbst, so schloss jener Wagnerianer, gönne sich durchaus, ab und an auch mal ein Viertelstündchen oder mehr mit seinen Gedanken abzuschweifen.

Ob Walvater Richard jenen kühnen Wagnerianer ob solch geradezu blasphemisch anmutender Worte als Abtrünnigen aus Walhall verstoßen hätte oder nicht – mich ließ seine Kunde hoffen! Und in der Tat: in der nächsten von mir besuchten Aufführung ließ ich die Musik streckenweise zu meiner eigenen Entspannung frei nach Nietzsche alleine weiter„schwitzen“ – und siehe da: Jedes Mal, wenn ich mich wieder bereit fand, den Faden der Nornen erneut aufzunehmen (Hatte ich etwas verpasst? Na wenn schon. Nächstes Mal wieder.), konnte ich die Musik wieder von Neuem und umso intensiver genießen. Der Bann war gebrochen, der Fluch gebannt, der Ring entfaltete mehr und mehr seine Macht und Anziehung, ließ mich jedes Mal mehr entdecken von seinen szenischen, dramaturgischen, textlichen und musikalischen Schätzen. Und tut dies bis heute.

Verdi ins Abseits gedrängt hat sein deutscher Zeitgenosse dennoch nicht. Jede Musik hat ihre eigenen unverwechselbaren und nicht beliebig austauschbaren ästhetischen Parameter. Wer die opulente Familiensaga des Rings zum  Maßstab für die vergleichsweise schlichte Dreierkonstellation in Verdis Rigoletto macht, dem wird sich Verdis Meisterwerk ebenso wenig erschließen wie demjenigen, der im Ring nach Verdis „parole sceniche“, also schlagkräftigen, die dramatische Situation auf den Punkt bringenden „szenischen Worten“, sucht.

Ulrich Lenz
Chefdramaturg der Staatsoper Hannover



Mein Ring: Detlef Brandenburg

Detlef Brandenburg, Foto: Christian KniepsDetlef Brandenburg ist Chefredakteur des Theatermagazins Die Deutsche Bühne, das vom Deutschen Bühnenverein in Köln herausgegeben wird. Er studierte Literaturwissenschaft, Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte und arbeitete zunächst als Dozent am Institut für Literaturwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität Kiel sowie als freier Mitarbeiter verschiedener Rundfunk- und Printmedien. 1988 ging er als Feuilletonredakteur zunächst nach Ansbach, dann nach Kiel und schließlich nach Köln. Fachliche Schwerpunkte seiner Tätigkeit bei der Deutschen Bühne sind Musiktheater und Kulturpolitik. Verschiedene Publikationen über Theater, Oper und Kulturpolitik, u.a. „Wahn und Welt. Politische Aspekte der Rezeption von Wagners ,Der Ring des Nibelungen‘ in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945“ in: wagnerspectrum 1/2006, hg. v. Udo Bermbach u.a.

Mein Ring

Meine erste Begegnung mit Wagners Ring des Nibelungen löste in meinem Leben zwei Dinge aus: den Kauf einer Stereoanlage; und die Überzeugung, dass mich dieses Werk ein Leben lang begleiten werde. Was man eben so denkt, wenn man mit 13, 14 Jahren seine ersten Entdeckungen abseits des elterlichen Horizontes macht. Ich dachte das damals auch von Hermann Hesse und Erich Fromm, von meiner ersten Freundin und von meiner Hammondorgel, von Deep Purple und Ekseption, von Ludwig van Beethoven, Che Guevara und vom schottischen Malz-Whisky.

Es war Sommer, und im Radio wurde „Bayreuth“ übertragen. Von Bayreuth wusste ich nicht wirklich, wo es lag. Und von Wagner hatte ich nie eine einzige Note gelesen. Aber ein Freund hörte immer „Bayreuth“, und irgendwann hörten wir zum ersten Mal den Ring. Ich war etwas enttäuscht, dass an vier langen Abenden kein einziges Mal der fliegende Holländer vorkam. Und wir hielten es zwar für seltsam, aber nicht für völlig ausgeschlossen, dass Siegfried „im Nachthemd“ rheinabwärts gen Worms fuhr, wie ich im 1.0-Kofferradio-Sound und möglicherweise etwas bewusstseinserweitert durch die Musik und besagten Whisky zu verstehen glaubte. Mit anderen Worten: Ich verstand nichts. Und doch ließ mich der Sog der Musik nicht los. Ihr einsaugender Rausch, ihre suggestiven Effekte – all das passte irgendwie in meine Vorstellungen von künstlerischer Höhe und der Vereinigung von U- und E-Musik im Geist der erwähnten Hammondorgel.

So etwas gibt sich. Irgendwann ist die Pubertät vorbei, und die Phasen, in denen der Verstand aus den Schüben hormonaufgeputschter Identitätsfindung auftaucht, werden länger. Vieles von dem, was ich damals für lebenslänglich hielt, war eines Tages vorbei. Wagners Ring aber verfolgt mich bis heute. Und das liegt keineswegs nur an meinem Beruf.

Allerdings: Meine Treue zu Wagner hatte Höhen und Tiefen. Nur ein paar Jahre später, und all das ganze Götter- und Sagengeschwurbel erschien mir reaktionär. Es gab Wichtigeres zu tun: in Brokdorf gegen das AKW demonstrieren, den Kapitalismus bekämpfen, autoritäre Professoren bestreiken… Ausgerechnet ein Dozent war es dann, der mir auf eine verächtliche Bemerkung hin eine kleine Schrift von George Bernard Shaw in die Hand drückte, mit dem unverdächtigen Titel: Ein Wagnerbrevier. Es wäre zuviel gesagt, dass mein Blick auf den Ring sich damit schlagartig verändert hätte. Aber meine Verachtung war doch so weit erschüttert, dass ich offen war für ein wegweisendes Erlebnis: die Fernsehübertragung von Patrice Chéreaus Bayreuther Ring-Inszenierung. Dass bei Wagner die Welt am „Kapital“ zugrunde geht – das hatte ich etwas ungläubig gelesen. Dass man das wirklich zeigen kann, hatte ich kaum für möglich gehalten. Nun erlebte ich es.

Seitdem sind mir viele Ringe begegnet. Allmählich ahne ich, warum man mit dem Ring einfach nicht fertig wird. Dieses Werk ist unglaublich wandlungs- und anpassungsfähig. Wie unbeleckt von Vorwissen, wie hochgerüstet durch Analyse man ihm auch begegnet: Es hat immer etwas zu bieten. Dieses Werk hält viel aus – auch von Seiten der Regisseure. Davon profitiert Barrie Koskys Rheingold-Inszenierung, die ich (wie in unserem Januarheft nachzulesen sein wird) szenisch effektvoll, konzeptionell aber nicht unbedingt lichtvoll finde. Aber sie funktioniert, die Musik trägt Koskys Ideenreichtum. Nur eines verträgt der Ring schlecht: Bühnenrealisationen, die einfach nur treu und textgläubig „die Geschichte“ erzählen wollen. Das hat seinen Grund. In Wagners Schriften kann man nachlesen, dass „die Geschichte“ für Wagner in einem außerordentlich reflektierten Sinn ein Mittel war, Gegenwart zu deuten. Deshalb sieht man, wenn einer „einfach nur erzählen“ will, nichts als ein leeres Vehikel auf der Bühne. Davon ist Barrie Kosky weit entfernt. Ob er allerdings auch weiß, was er will, konnte ich im Rheingold nicht erkennen. Aber er hat ja noch drei Abende vor sich. Nachdem ich in Bezug auf den Ring schon so oft eines Besseren belehrt wurde, bin ich gespannt auf die Fortsetzung in Hannover. Und natürlich auf Siegfrieds Nachthemd.

Detlef Brandenburg
Chefredakteur Die Deutsche Bühne



Mein Ring: Erwin Schütterle

Erwin SchütterleErwin Schütterle, 1944 geboren im schwäbisch-alemannischen Grenzbereich, zunächst Beamter im mittleren Postdienst, wurde als Bertelsmann-Manager 1974 ungefragt nach Hannover „befördert“. Seit Mitte 2008 Geschäftsführer des Freundeskreises Hannover, in dem er viele Jahre im Vorstand mitwirkte. Ansonsten weit über Hannover bekannt als Gründer und mit Herzblut arbeitender Betreiber der hannoverschen Kult-Konzertstube KANAPEE, die er nach 28 Jahren und 3625 höchstpersönlich präsentierten Konzerten an seinen langjährigen Mitarbeiter übergab.

Wer hat Angst vor Wagners Ring?
Persönliche Rheingold-Eindrücke eines Nichtwagnerianers

Vorweg: Ich bin zweifellos ein offener, begeisterungsfähiger Opernfreund – aber kein eingefleischter Wagnerfan. Bisher sah ich Wagners Frühwerke Lohengrin, Holländer und immer wieder Tannhäuser. Letzteres sogar in Bayreuth, aber nicht wegen Wagner, sondern wegen der Frage, wie Tannhäuser es schafft, Lust und Liebe unter einen Hut zu bekommen.

Wagners Ring war mir immer irgendwie suspekt. Zu schwer, zu laut, zu lang, zu unverständlich und überhaupt viel zu mystisch. Hab schon meine Probleme mit der griechischen Götterwelt, was soll ich mich jetzt noch mit den nordischen Göttern befassen, wo wir doch genug derzeitige Probleme haben? So bin ich (in jeder Beziehung) ringlos 65 geworden. Offenbar brauchte ich diese lange Anlaufzeit (und die ansteckende Ringleidenschaft, der mir persönlich sehr nahe stehenden Opernintendanten Prof. Lehmann und Dr. Klügl) um mich endlich auf das erste Ring-Abenteuer einzulassen.

Wie es sich gehört, informiere ich mich vorab im lustigen „einzig wahren Opernführer“ und im seriösen „Handbuch Oper“ über das Werk. Mir ist nun bekannt, dass Wagner auch ein genialer Texter war. „Mir dünkt“ aber, dass seine Sprache und Ausdrucksweise – speziell in der gesungenen Variante – heutzutage nicht sofort zugänglich sind. Das dürfte aber das kleinste Problem sein, die Texte werden ja eingeblendet.

Staatsoper Hannover, 28.11.2009: Rheingold. 3. Aufführung. Alle Sängerinnen und Sänger gesund. Ein Wunder. Das Opernhaus  genauso voll wie der Orchestergraben (mache mir Sorgen um die Streichfähigkeit der Streicher). Habe das Gefühl, ein anderes Publikum als sonst (bei Verdi & Co.) vorzufinden.

Die ersten Töne: pianissimo. Der Vorhang hebt sich. Irgendwie ist dieser erste Blick auf die Bühne genauso wichtig, spannend und prägend, wie der erste Satz in einem Buch. Der Opernbesucher weiß, dass der erste Akt tief unten im Rhein sich abspielt – und wird mit einer gigantischen strahlenden Revuebühne mit reizenden Revuetänzerinnen und reizvollen Rheintöchtern mit „wellwogenden“, riesigen Federfächern total überrascht. Er möchte allein wegen des Bildes spontan klatschen …

Keine weiteren Beschreibungen – dafür mein Resümee: Ich habe die gesamten 2½ Stunden Rheingold ohne eine einzige unaufmerksame Sekunde „aufgesogen“ und genossen. Mir ist absolut einerlei, ob ein Regisseur alt, neu, modern oder radikal inszeniert. Für mich zählt nur eins: Der Regisseur muss mir die Oper überzeugend und ohne Mätzchen näher bringen. Nicht „seine“ Oper, sondern die Oper des jeweiligen Komponisten. Dem Vernehmen nach ist für eingefleischte Wagnerianer diese Inszenierung (wieder mal) viel zu modern. Ich Ringneuling habe während und nach der Oper mich nicht ein einziges Mal gefragt, was will der Regisseur mir mit seinen Bildern und Einfällen sagen (mein höchstes Kompliment für eine Regie) – ich habe nur Wagners Rheingold gesehen: Erhellend, federleicht (manchmal konnte man im Publikum eine gewisse Heiterkeit wahrnehmen) und trotzdem so beklemmend, wahr und zeitlos. Ich sah (ohne „Wink mit dem Holzhammer“) grenzenlose Gier nach Besitz und Macht, Neid, dumpfe Dummheit, vermeintliche Schlauheit, geifernde Geilheit, wohlbekannte Eitelkeit (will keinen Namen nennen, Herr Berlusconi), Lug und Trug bis hin zum Mord. Ich vernahm den irren Wunsch nach ewiger Jugend und zwischen den Zeilen die Sehnsucht nach Liebe. Ich sah eine gänsehauterzeugende (diesmal völlig zu recht) nackte Mutter Erde, die (vergeblich?) versucht, all die abgehobenen und untergetauchten Verrückten zur Vernunft zu bringen.

Ich hörte keine Musiknummern, sondern ein einziges fesselndes Musikstück mit wenigen extrem-dynamischen Ausrufezeichen. Ich spürte die Energie des Dirigenten, Wagners Musik in seinem Sinne auszudrücken und die Bereitschaft seines Riesenorchesters, ihm hierbei zu folgen. Ich hörte und sah vorzügliche Sänger/Darsteller, denen ich bei diesem ersten Besuch beim besten Willen keine Einzelnoten geben kann. Dafür war ich viel zu sehr mit dem Rheingold beschäftigt.

… und dem Bild vor meinem Auge: Keine glatte, eher eine steinige Götterwelt, die in einem überdimensionalem Fernsehmonitor agiert – oder war es ein Kasperletheater? Einer schafft gerade noch im letzten Moment des Schlussakkordes den Absprung aus dieser (Geld-)Scheinwelt und freut sich wie ein Schneekönig.

Ich freue mich über die Erweiterung meines Opernhorizontes und bin so was von gespannt auf die Fortsetzung …

Erwin Schütterle
KANAPEE-Gründer, jetzt Geschäftsführer des Freundeskreises Hannover e.V.