Rainer Wagner, seit 1978 Musik- und Theaterkritiker der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, ist zwar Franke, aber dennoch nicht mit den Bayreuther Wagners verwandt, was er sehr begrüßt, weil die dort vererbten Nasen (von Richard und von Cosima) doch sehr prägnant sind. Rainer Wagner ist kein Wagnerianer. Eigentlich gar kein -ianer.
„Ring“-Straßen und Sackgassen
Das erste Mal? Viele Opernfreunde werden sich erinnern, wann sie zum allerersten Mal in die Oper mitgenommen (mitgeschleift?) wurden. Die Wetten stehen auf Hänsel und Gretel und Zauberflöte, obschon beide eigentlich keine Stücke für kleine Kinder sind.
Doch wer weiß noch (wenn nicht romantische Begleitumstände dazu gehören), wann er seine erste Bohème, seinen ersten Fidelio oder seine erste Frau ohne Schatten gesehen und gehört hat. Aber der Ring, das ist etwas anderes. Vor allem, wenn man ihn in Folge miterlebt hat. Schon weil damit ja auch immer eine Woche Lebenszeit mitinvestiert wird. Prompt wissen ja viele Wagnerianer auf Anhieb, der wievielte Ring sich in ihrem Leben gerade schließt.
Mein erster Ring? Noch dazu professionell? 1973 in Bayreuth.
Wie kommt ein blutjunger Musikkritiker zu der Ehre? Naja, die ehrenwerten Kollegen auf den festen Posten hatten offenbar keine Lust mehr, sich Wolfgang Wagners Inszenierung noch einmal anzusehen, um dann doch wenig Neues zu entdecken. Die Chance also für freie Mitarbeiter.
Viel Platz hatte man damals noch, selbst in mittelgroßen Zeitungen. Und dreiviertel des Platzes galten damals noch den Sängern und der Musik – über die Inszenierung gab es ja auch nicht so sehr viel zu berichten. Es war übrigens ein sängerisch heikler Ring (nichts Neues also) – und Horst Stein war mal wieder ein Garant fürs Gediegene. Man munkelte damals übrigens über den „Jahrhundertring“ und tippte auf das Traumpaar Pierre Boulez/Peter Stein. Es kam halbwegs anders.
Es folgten viele Ringe.
Unvergessen der Ring 1984 in Seattle, nicht nur, weil viele Amerikaner glaubten, jemand der Wagner heißt, aus Deutschland kommt und beruflich mit Musik zu tun hat, müßte genau wissen, wer da nun in der verworrenen Handlung mit wem verwandt ist. Aber immer noch im Ohr ist die Situation, als nach dem ersten Aktschluss der Walküre mehr als 3000 Opernfans „Wow“ stöhnten. Die hatten begriffen, um was es da in der Handlung und in der Musik geht.
Noch einmal „Bayreuth“ als freier Journalist, weil auch 1977 offenbar nicht alle festangestellten Kollegen den Chéreau-Ring überprüfen wollten, der doch deutlich nachgebessert war. Mit diesem Bayreuther Ring hing wohl zusammen, dass die meisten Opernkritiker (mich leider inbegriffen) damals Jean-Pierre Ponnelles märchenhaft-hintersinnige Stuttgarter Produktion unterschätzten.
Die größte Enthüllung? Peter Halls ansonsten enttäuschender Bayreuth-Ring 1983, als er im Rheingold drei wohlgewachsene Rheintöchter nackt im Wasser schwimmen ließ. Die einen rätselten, ob das Körperdoubles seien (nein), die anderen, wie das technisch funktionierte (mit Spiegeln und viel echtem Wasser). Leider blieb das der spannendste Moment, wenn man von den üblichen Tenor-Malaisen absieht – und von Georg Soltis spannendem Dirigat.
Es folgten viele Ringe. Herbert Wernickes Brüsseler Version ist im Gedächtnis und der Stuttgarter gemischte Vierer. Götz Friedrichs Berliner Zeittunnel und Hannovers mit der Hausbesetzung glänzender Ring der Lehmann-Ära. Und und und.
Neugier ist geblieben. Und die Erwartung auch. Aber je überschaubarer die Restlebenszeit wird, desto mehr muss jeder Ring den Nachweis liefern, dass er es wert ist, wieder einmal abzudriften. Ein Ring ist schließlich unendlich. Das (irdische) Leben nicht. Und es gibt schließlich auch ein Leben jenseits von Walhall.
Das walte Wotan.
Rainer Wagner
Musik- und Theaterkritiker der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung
ring-blog.de
