Henning Queren ist Kulturchef der Neuen Presse und hatte schon als Student der Politologie (Hamburg) über Karl Marx („Wagner ist ein Staatskomponist“) und Antisemitismus-Forschung (Wagner, Das Judentum in der Musik) intensiven Kontakt. Mittlerweile sind unter anderem auch einige Ringe im harten, engen Gestühl das Bayreuther Festspielhauses ersessen. So intensiv, dass das Sitzfleisch schon gehorsam die genau abgemessene eckige Form annimmt, wenn nur Rheingold-Vorspiel oder „Walküren-Ritt“ erklingen.
Ich schenke Dir einen Ring
Gerade bei Geschenken kann man einiges verkehrt machen. Das mag einem verziehen sein, wenn man noch vergleichsweise jung und überschwänglich ist. 26 zum Beispiel. Da hatte ich eine kleine Japanerin mit einem Ring überrascht. Tiffany’s, Cartier? In Hamburg wars, September 1986 in der legendären Bar „Herzog“ in Eppendorf. „Ich möchte Dir einen Ring schenken.“ Und da guckt man schon vergleichsweise komisch, wenn einem die kiloschwere Decca-Box Der Ring des Nibelungen, dirigiert von Georg Solti, auf 19 Vinyl-Schallplatten überreicht wird – und man hat in seiner winzigen Studentenbude noch nicht einmal einen Plattenspieler. Geschadet hat es immerhin nicht, wir sind immer noch zusammen.
Und genau dieser Decca-Ring, der schwarze Schuber mit den psychedelisch-farbigen Sonnenbällen auf den Covern, ist noch immer in meiner LP-Sammlung, seinerzeit die erste Anschaffung. Die danach noch (auch auf Vinyl) ergänzt wurde um Karajan, Furtwängler, Böhm, Janowski, Boulez – und noch einmal Solti, irgendwann musste es dann doch noch die britische Erstausgabe sein. Und dazu das Buch von Tonmeister John Culshaw Ring Resounding. Damit hat man sich dann vor die Lautsprecher gesetzt und beim Aufschichten des Goldes im Rheingold gehört, dass es dann doch nur Kupferbarren waren. Mein Gott, wann hat man das bloß alles zu sich genommen, dreizehneinhalb Stunden Musik netto pro Ring. Ich hatte eben Zeit, war Doktorand der Politologie, ziemlich links und interessierte mich eher weniger für den tendenziellen Fall der Profitrate im Weltmaßstab. Nein, da war einem Wagner näher, das klingende Kapital, George Bernard Shaws Wagner-Brevier hats ja beschrieben – der Ring, die auskomponierte Entwicklungsgeschichte des Kapitalismus. Und dann mit Wotan, oder noch schärfer, mit Wellgunde auf die Barrikaden. Die sind mittlerweile abgelöst durch das holzharte Gestühl des Bayreuther Festspielhauses. Und die roten Fahnen? Trägt man innerlich unterm Smoking. Und meine Frau hat mittlerweile auch einen echten Ring von mir bekommen.
Henning Queren
Musikkritiker der Neuen Presse
ring-blog.de
