Sabine Lange



Mein Ring: Sabine Lange

Sabine Lange, NDRSabine Lange ist verantwortliche Opernredakteurin bei NDR Kultur. Sie lebt in Hamburg, stammt aus Hannover, wo sie Musik (Violoncello) und anschließend Journalistik studierte. Sie volontierte beim Sender Freies Berlin, arbeitete dann als Redakteurin, Autorin und Moderatorin für den SFB, ORB, MDR und NDR. Ein Interview von Sabine Lange mit Regisseur Barrie Kosky finden Sie hier.

Mein Ring

Ich gebe zu, als Kind jagte mir Mozarts Königin der Nacht mit ihren wilden Koloraturen Angst ein, und Puccinis Madame Butterfly verschreckte mich in ihrer Exotik. Doch Wagners Brünnhilde? Die fand ich schon wahrhaft stark, da war ich gerade mal 12 und erlebte meinen ersten Ring an der Staatsoper Hannover. Ute Vinzing, damals weltweit in der Partie der Brünnhilde gefeiert, gastierte in Hannover, und ich war so überwältigt, dass ich ihren Schlussmonolog in der Götterdämmerung postwendend auswendig lernte und morgens auf dem Weg in die Schule auf dem Fahrrad sang. „Starke Scheite schichtet mir dort am Rande des Rheins zuhauf…“ – was steckt für eine wilde Entschlossenheit in diesen Worten. Da geht eine Frau für die Liebe in den Tod, ohne Zaudern, ohne Zagen, wow! Die Musik dieses Götterdämmerung-Finale fasziniert mich bis heute, auch weil man so trefflich darüber streiten kann, ob das nun ein Weltuntergang oder ein Happy End ist! Wenn Barrie Kosky den Ring „ambivalent“ nennt – welche Stelle beweist das besser als dieses grandiose Ende?

Als Teenager, der den Ring entdeckt, lässt man sich von vielem beeindrucken – mich fesselte besonders auch der jugendliche Held Siegfried, der in die Welt hinausdrängt. „Aus dem Wald fort in die Welt ziehn, nimmer kehr ich zurück! Wie ich froh bin, dass ich frei ward, nichts mich bindet und zwingt!“ Welcher Operntext passt besser zur Pubertät? Und die Emotionen, die Wagner in der Musik mitschwingen lässt! Man (er-)kennt im zarten Alter vielleicht noch nicht die intellektuellen Hinter-(und zuweilen Ab-)gründe Wagners, aber die Seele reagiert. Mit großer Spannung erwartete ich jeweils die Passagen des Rings, die sich nicht in schier endlosen Monologen ergehen, sondern in denen richtig etwas los ist: Die Verwandlungen im Rheingold, das gruselige Nibelheim, der Auftritt der Walküren, Wotans Abschied und Feuerzauber, Siegfrieds Schmiedeszene, sein Trauermarsch, das katastrophale (?) Finale – das ist Theater pur, und die Musik lädt zum Bad in den Klängen ein. Für solches Erlebnis habe ich es riskiert, dem elterlichen Verbot zu trotzen und bis in die späte Nacht hinein, mit Kopfhörer, Taschenlampe und Textbuch unter der Bettdecke, den Liveübertragungen des Rings von den sommerlichen Bayreuther Festspielen im Norddeutschen Rundfunk zu lauschen. Damals schien der Grüne Hügel in fast unerreichbarer Ferne, in einem Land, unnahbar euren Schritten …

Heute berichte ich als verantwortliche Opernredakteurin von NDR Kultur über eben diese Festspiele und setze mich dafür ein, dass (neben vielen anderen Opern) Wagners Werke regelmäßig im Radio zu hören sind. Der kindliche Rausch ist verflogen, die Beziehung zu Wagner ambivalent geworden, und doch, bei aller Skepsis und Kritik: Wagner ist einer der brillantesten Theatermacher, und er versteht viel von den Menschen und den Qualen, die sie sich gegenseitig zufügen. Sich mit seinen Figuren im Ring zu beschäftigen, heißt, sich mit dem Leben zu beschäftigen. Mit unserem Leben. Mit Liebe und Macht, mit Gier und Neid, mit Lust und Tod und mit der ewigen Suche nach der Wahrheit unseres Seins. Wie dichtete Rainer Maria Rilke, recht unabhängig von Richard W.? „Wenn man die Fragen lebt, lebt man vielleicht allmählich, ohne es zu merken, eines fremden Tages in die Antworten hinein“. Wenn man 16 Stunden im Ring sitzt, hat man Zeit dazu und Inspiration …

Sabine Lange
Opernredakteurin bei NDR Kultur