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Mein Ring: Uwe Glaser

Uwe GlaserUwe Glaser, in Hannover geboren, in Bremen zur Schule gegangen, ist gelernter Bürokaufmann. Zu seinen großen Leidenschaften gehört die Oper, live oder aus der Konserve. Er zählt nicht nur zu den treuen Besuchern unseres Hauses, sondern auch zu den interessierten Teilnehmern des gemeinsam mit der Staatsoper veranstalteten VHS-Kurses „Keine Angst vorm Ring“. Die „Angst vorm Ring“ ist ihm allerdings schon in jungen Jahren genommen worden …

Meine Eltern waren der Meinung, dass man nicht unbedingt mit Wagner beginnen sollte. So war Mozarts Zauberflöte meine erste Oper. Aber schon bei meinem vierten Opernbesuch sollte es Die Walküre sein. Das war in Bremen, in der Saison 1970/71, und ich war damals 15/16 Jahre alt. Danach habe ich die Ring-Übertragungen im Radio manchmal heimlich, ohne Wissen meiner Eltern, verfolgt. „Ja, Wagner verdirbt die Jugend“, so sagten manche angeblichen Opern Liebhaber damals.

Anfangs reflektierte ich bei meinen Opernbesuchen die Opern selbst kaum. Ich hatte mich damit noch nicht genauer beschäftigt. In Bremen gab es Die Walküre nur kurz. Ich weiß nicht mehr, ob es überhaupt geplant war, den gesamten Ring aufzuführen.

Danach sollte es acht Jahre dauern, bis ich erneut die Gelegenheit hatte, den Ring zu sehen, und zwar in Hannover, in der Saison 1978/79. Ich erinnere mich vor allem, dass es für mich ein ganz anderes Erlebnis war als damals in Bremen. Ich war jedes Mal völlig begeistert. Von der Darstellung der Sängerin der Brünnhilde war ich am meisten fasziniert: Ute Vinzing. Sie ist für mich bis heute eine der bedeutendsten Interpretinnen auf der Bühne geblieben.

Dann war in den Jahren 1981 bis 1983 die Chéreau-Inszenierung aus Bayreuth im Fernsehen zu sehen. Natürlich saß ich gebannt vor dem Bildschirm und staunte nicht schlecht, was dort so alles geboten wurde. Da war alles so anders, dass mir meine bisherigen Erfahrungen fast provinziell vorkamen. Aber ich war auch erstaunt, dass sich die „Wagnermafia“ bei der Premiere 1976 so respektlos aufgeführt hatte. Dennoch soll es nach der Schlussvorstellung der Götterdämmerung 1980 neunzig Minuten Standing Ovations geben haben. Es kann ja nicht nur der Walkürenfelsen gewesen sein, der ab 1977 anders dargestellt wurde!

Mit einem Ring in Seattle verbinde ich eine ganz besondere Erinnerung. Zwar habe ich ihn nicht gesehen, aber als ich in Berlin Frau Vinzing traf, schenkte sie mir interessanterweise einen Scherenschnitt der Brünnhilde aus dieser Inszenierung, den ich bis heute als besonderes Andenken bewahre. In den späten 80er Jahren wurden auf Radio Bremen 2 mehrere Ringe übertragen, die ich eifrig mitschnitt – damals noch auf Tonbandkassetten. Ebenso fiel in diese Zeit mein Kauf des legendären „Solti-Rings“, den ich im Plattenladen um ganze 50 DM herunterhandeln konnte!

Gespannt warteten wir alle auf den „Friedrich-Ring“ an der Deutschen Oper Berlin. Da das Bühnenbild an die US-TV Serie „The Time-Tunnel“ erinnerte, hatte er bald den liebevollen Beinamen „Der Time-Ring“. Von Friedrich war es gar nicht so gewollt, er hatte vielmehr eine Washingtoner U-Bahn-Station vor Augen, auf die er von einem Freund hingewiesen worden war. So hatte ich es zumindest damals im Programmheft gelesen und im Herbst 2010 bei einer Friedrich-Gedächtnis-Veranstaltung auch noch einmal so gehört. Nach dem Besuch einzelner Teile konnte ich den „Time-Ring“ erst im Mai 1990 auch als Zyklus sehen.

Von 1991 bis 1993 schmiedete Hans-Peter Lehmann an der Staatsoper Hannover seinen Ring. Hier konnte ich drei Zyklen bewundern. Das Haus besetzte aus eigenen Kräften. Was für eine Leistung!

Natürlich habe ich auch Das Rheingold und Die Walküre in der neuen Inszenierung von Barrie Kosky gesehen. Auch habe ich den hervorragenden VHS-Kurs „Keine Angst vorm Ring“ besucht. Ich hatte zwar keine Angst, aber das Werk ist so komplex, dass man nach 40 Jahren Ringerlebnissen immer noch etwas Neues entdecken kann. Um alles noch besser zu verstehen, habe ich mir unlängst die Zeit genommen, alle meine zahlreichen Ring-Aufnahmen noch einmal durchzuhören und dabei auch immer brav eine Stunde Pause zwischen den Akten gemacht – wie in Bayreuth! Das Libretto war natürlich immer mit dabei.

Ich bin jetzt schon gespannt, wie der hannoversche Ring weitergeht und endet. Und freue mich jetzt schon auf die zyklische Aufführung am Ende der Spielzeit!



Das Getöse der Ambosse

Ambosse_1225Eine der spektakulärsten Verwandlungen in Wagners Ring des Nibelungen findet vom zweiten in die dritte Szene des Rheingold statt: der Abstieg Wotans und Loges von der „Freien Gegend auf Bergeshöhen“ nach Nibelheim, von luftigen Götterhöhen in die Niederungen der Schmiede Alberichs.

Musikalisch wird diese Schmiede durch ein selten verwendetes Instrument des Schlagwerks dargestellt: „18 Ambose hinter der Scene“ sind in der Partitur vorgesehen, je dreimal verlangt Wagner „3 kleinere“, „2 größere“ und „1 ganz großen“ Amboss, die auf dem Ton f in drei Oktavlagen notiert sind.

„Wachsendes Geräusch wie von Schmiedenden wird überall her vernommen“, lautet die Szenenanweisung in der Partitur, die musikalisch mit einem Crescendo über zwölf Takte vom Piano zum Fortissimo unterstützt wird. Es folgt ein 16-taktiges Diminuendo ins Pianissimo: „Das Getöse der Ambose verliert sich.“ Nur 28 Takte dauert also der Einsatz der neun Schlagzeuger, die im Besetzungszettel der Staatsoper Hannover aufgeführt sind! Die Frage des Aufwandes hat Richard Wagner weniger interessiert als die spektakuläre Wirkung, die diese Szene bei seinen Zeitgenossen gehabt haben muss – man vergegenwärtige sich das Zeitalter der frühen Industrialisierung, ungefähr 100 Jahre vor dem Aufkommen des Heavy Metal.

Doch woher kommt das „Getöse“?, mag sich mancher Besucher im hannoverschen Opernhaus gefragt haben. Wir haben uns fürs Ring-Blog auf die Suche gemacht. Schlüssel Nr. 25 vom Pförtner öffnet die Tür – „Unbefugten ist das Betreten des Maschinenraumes verboten“ – in die Untermaschinerie unter dem Orchestergraben. Der erste Eindruck: hier ist Nibelheim! Dieselben Hydraulik-Schläuche, dieselbe Düsternis wie im Bühnenbild von Klaus Grünberg 4,80 Meter weiter oben auf der Bühne. Auf den zweiten Blick aber wird deutlich: Hier wird gut organisiert musiziert. 18 Hammer unterschiedlichster Ausführung liegen bereit, 3 echte Ambosse und darüber hinaus Stahlringe und Metallplatten aller Form. Ausgesucht wurden sie ausschließlich nach Klangeigenschaften. „Wir haben auch zwei Straßenbahnschienen, die klingen am besten“, versichert Orchesterwart Matthias Hartmann. Wie diese in den Instrumentenfundus gelangt sind, weiß er allerdings nicht. Schon bei der letzten Aufführung des vorherigen Ring-Produktion vor zehn Jahren waren sie im Einsatz.

Der Eindruck in der Aufführung, der Klang komme über Lautsprecher in den Zuschauerraum, täuscht – und täuscht doch wieder nicht. Tonmeister Bernhard Helmdorf nimmt die Klänge in der Untermaschinerie zwar auf, doch sie werden nicht verstärkt, sondern lediglich mit Hall versehen durch die Surround-Lautsprecher des Opernhauses wiedergegeben. Crescendo und Diminuendo kommen ausschließlich von den Musikern. Und auch direkt findet der Klang der Ambosse seinen Weg von dem Raum tief unter dem Orchestergraben in den Zuschauerraum.

Und was passiert nun, nachdem die letzte Vorstellung Das Rheingold in dieser Spielzeit stattgefunden hat, bis zur Wiederaufnahme am 7. Oktober 2010? Ambosse, Stahl und Straßenbahnschienen warten nicht am Grunde des Orchestergrabens über die Sommerpause auf ihren nächsten Einsatz, sondern werden von den Orchesterwarten eingesammelt, im Instrumentenfundus gelagert und zu den Wiederaufnahme-Proben wieder eingerichtet.

Swantje Gostomzyk




Mein Ring: Stefan Mauß

Stefan MaußStefan Mauß ist Hannover und seiner Oper seit seiner Geburt 1963 relativ treu. Nach der frühen Erkenntnis, weder am Klavier noch mit seinem Bass einen Blumentopf gewinnen zu können, verlegte er sich wie viele verhinderte Künstler auf das Schreiben über Musik. Nach Anfängen bei der HAZ, den Niedersächsischen Musiktagen und dem NDR begann er als Autor bei der Fachzeitschrift Das Opernglas (Hamburg), für die er seit vielen Jahren Monat für Monat über Merk-Würdiges aus der Opernszene von A(arhus) bis Z(ürich) berichtet.

Es gibt wohl keinen würdigeren Ort und Zeitpunkt für diesen Beitrag zum Ring-Blog der Staatsoper Hannover. Ich sitze am 11. April im Regionalexpress von Nürnberg nach Bayreuth, auf dem Weg zur Trauerfeier für Wolfgang Wagner im dortigen Festspielhaus. Und nirgends kann man konzentrierter über die Frage nachdenken: „Was verbindet mich mit dem Ring des Nibelungen?“

Etwas Ungewöhnliches zunächst: Ein vorsätzlicher Hausfriedensbruch gemeinsam mit einem angehenden Staatsanwalt ist mein bislang prägendstes Erlebnis mit Wagners Ring. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht etwas ungewöhnlich, aber zum Stück passt es perfekt: Schließlich begeht Göttervater Wotan ja zusammen mit Loge ebenfalls nichts anderes als einen Hausfriedensbruch in Nibelheim – und das soll in den folgenden 13 Stunden bekanntermaßen auch nicht der letzte Gesetzesbruch in der Tetralogie bleiben.

Natürlich hatte auch ich davor eine „Wagnervorgeschichte“, wünschte mir den Solti-Ring auf Schallplatten zusammen und hatte hier in Hannover als Schüler schon die einzelnen Ring-Teile in der damals schon sehr verstaubten Reinhard Lehmann-Inszenierung gesehen – bis auf die Götterdämmerung. Dann wurde 1983 meine Schwägerin schwanger (wenn man über den Ring schreibt, kommen die Alliterationen von ganz allein), und ich durfte meinen älteren Bruder an ihrer Stelle nach Bayreuth zu Götz Friedrichs Inszenierung des Parsifal und Jean-Pierre Ponnelles zauberhaft schönen Tristan begleiten.

Die Ankunft in Bayreuth desillusionierte mich zunächst. Ab Nürnberg zuckelte der Bummelzug endlos Richtung Bayreuth und gegen unser Zimmer im dortigen „Gasthof Vogel“ erschienen mir die Jugendherbergen auf Klassenfahrten wie das Hotel „Adlon“. Beim ersten Anblick des Festspielhauses im Original war das aber alles sofort vergessen. Obwohl wir erst Karten für den nächsten Tag hatten, machten wir natürlich sofort nach dem Kofferauspacken dem Hügel unsere Aufwartung. Das taten wir selbstredend zu Fuß wie einst Toscanini, der seinen Chauffeur im Wagen allein mit den Worten sitzen ließ: „Bei Wagner fährt man nicht vor, dahin pilgert man zu Fuß!“

Es war der Abend der Götterdämmerung-Premiere, Sir Georg Solti dirigierte seinen ersten und einzigen Sommer in Bayreuth. Das wussten damals aber weder er noch die Öffentlichkeit. Dass gerade dieser Wagner-Experte am Grünen Hügel mit seinem Konzept nach nur einer Saison scheitern sollte, muss man heute zwar als besondere Ungerechtigkeit der Musikgeschichte werten. Aber der Grüne Hügel hatte schon von jeher seine eigenen Gesetze. Das Medieninteresse war natürlich enorm: Übertragungswagen aus aller Herren Länder umringten das Festspielhaus, und lauernd lugten mein Bruder und ich durch die kleinste Klinze der Tür des kanadischen Radiobusses, wo wir auf einem Kontrollmonitor in schwarz-weiß den ersten Aufzug nicht nur hören sondern auch sehen konnten. Die Kanadier hatten Mitleid mit den verrückten deutschen Jung-Wagnerianern und baten uns netterweise herein. Dadurch hatten wir jetzt natürlich erst richtig Ring-Blut geleckt und in der ersten Pause ging es uns dann mit dem Festspielhaus so wie einem späteren Bundeskanzler mit dem Kanzleramt: Wir wollten da rein! Egal wie.

Wir mussten also den Pfad der Legalität ein wenig verlassen. Mein großer Bruder kannte einen Schleichweg, den er schon als Schüler genutzt hatte. Eine alte, mit heiligem Rost patinierte Drehtür hatte etwas Spiel in beide Richtungen und mit etwas Geschick und damals rankem Körperbau befanden wir uns in einer anderen Welt: auf dem Gelände des Festspielhauses. Wir schritten kaum, doch wähnten uns schon weit … Unser Ziel hatte mein Bruder mir schon vorher definiert: der Beleuchterturm auf der rechten Bühnenseite. Was jetzt folgte, war für mich der „Wagner-Overkill“: Durch den unterirdischen Verbindungsgang näherten wir uns dem Bühnenhaus. Dieser Gang macht jedem Wagnerianer und vor allem jedem Künstler weiche Knie: An seinen Wänden hängen beidseits Porträts aller Dirigenten, die je in Bayreuth dirigiert haben. Doch damit nicht genug. Da wir offensichtlich nicht wie hinterhältige Hausfriedensbrecher aussahen, wurden wir von allen uns entgegenkommenden herzlich begrüßt, Siegfried Jerusalem, der damals noch den Stolzing sang, war der Erste, den wir trafen. Dann erreichten wir endlich die Treppe zum Beleuchterturm. Wir mussten weichen, denn sie wurde komplett ausgefüllt durch den uns in Kostüm und Maske entgegenkommenden Aage Haugland, der den Hagen sang und auch so aussah. Zwischendurch ermahnte mein Bruder mich immer wieder, mir den Rückweg genau einzuprägen, da Festspielleiter Wolfgang Wagner damals noch sehr flink zu Fuß war und mit einer Taschenlampe schon einmal auf die Suche nach Eindringlingen in sein Walhall ging. Aber wir bewegten uns sicher wie mit Tarnhelmen durch das Haus und kamen schließlich auf dem Turm an. Es bot sich eine exzellente Sicht, im zweiten Aufzug in Peter Halls Inszenierung war dort zudem ein Auftrittspunkt für die Solisten: Für Siegfried und Gutrune macht man ja gerne einmal Platz. Es war schon ein faszinierender Gedanke, einmal einen Schritt nach vorne zu machen und unversehens in den Fokus der Wagner-Welt treten zu können oder einfach Siegfried am Ärmel festzuhalten, um ihn am todbringenden Eid zu hindern. Teile der Bayreuther Ring-Geschichte hätten neu geschrieben werden müssen. Wir sahen natürlich davon ab, es passierte ja auch zu viel anderes. Nach der Speereidszene etwa eilte Siegfried-Darsteller Manfred Jung erbost wieder von der Bühne an uns vorbei mit den mir unvergessenen Worten: „Dieser Solti sollte sich erst mal die Noten kaufen!“ Ich war schockiert: so sprach man doch nicht über das Dirigentenidol meiner Jugend, vermied aber natürlich die Diskussion mit dem Wälsungensproß. Zum Aufregen blieb auch kaum Zeit, denn die zweite Pause wollten wir möglichst unverdächtig verbringen und schummelten uns in die Künstlerkantine: Zwischen Peter Hofmann und Hans Sotin an der Kassenwarteschlange zu stehen war auch ein unvergesslicher Teil dieses sehr realen Wagner-Märchens. Zugleich starb aber dabei auch ein wenig das romantisch verklärte Bild der Oper und wich einer gewissen Backstage-Realität: Selbst ein Gralskönig muss sich in Bayreuth für einen Pausenkaffee anstellen– und dass Gralshüter Gurnemanz am nächsten Tag während der Aufführungspause Bayreuther Maisels-Weißbier trank, überraschte mich ebenfalls ein wenig, erklärte aber auch, aus welchen Quellen der Gral seine wirkliche Kraft bezog.

Nach der lechzenden Labung in der Pause ging es wieder auf „unseren“ Turm, und wir erlebten einen der spektakulärsten Umbauten der Bayreuther Geschichte mit. Sir Georg Solti hatte sich für seinen Ring Feuer, Wasser und Wald gewünscht. Für Auf- und Abtritt der Wassermassen wurde eigens eine gigantische Zisterne unter der Bühne installiert, so etwas gibt es auch nur in der Werkstatt Bayreuth. Für die Rheintöchter hatte das Produktionsteam einen besonders genialen Einfall: Die Damen tummelten sich in einem flachen Pool am Bühnenboden, der dann mittels großer Spiegel auf den Portalschleier in die Senkrechte projiziert wurde. So bekam der Zuschauer die Vorstellung, Flosshilde und Co. würden vom Grund des Rheins bis zur Wasseroberfläche schwerelos schweben, während sie in Wirklichkeit nur ein wenig im Bassin planschten. Unser Versteck befand sich nun nicht so weit von der Wasseroberfläche entfernt und es nahten die Rheintöchter in Bademänteln – ich hatte mich schon immer gefragt, wie sich diese Wesen auf dem Grunde des Rheins vor Verkühlungen schützten. Dann sahen wir wieder etwas, das den Premierenbesuchern vorenthalten wurde: Wolfgang Wagner half, ganz Kavalier alter Schule, den jungen Damen aus den Mänteln, unter denen sie nichts als ein skeptisches Lächeln trugen, denn sie Temperatur des Wassers hätte wohl etwas höher liegen dürfen. Aber welche Opfer bringt man nicht für Bayreuth? Sie stiegen wie Gott, Pardon, Wotan, sie geschaffen hatte in den Pool. Es ging ganz anders aufregend weiter: Der finale Weltenbrand war nicht weniger aufwendig: Eine gigantische Hub-Hydraulik machte den Bühnenboden zur Bühnendecke, es war nun endgültig um mich geschehen: Der Ring hatte mich durch diesen Hausfriedensbruch nun komplett in seinen Bann gezogen.

Noch wagte ich nicht davon zu träumen, dass ich später auch beruflich häufig nach Bayreuth zurückkehren dürfte. Inzwischen habe ich auch Katharina Wagner längst diesen pubertären Hausfriedensbruch persönlich gestanden und schmunzelnd Absolution von ihr erhalten, so dass mich dieses Outing hier im „Ring-Blog“ nicht den Kopf kostet. Aber dennoch bleibt dieser erste und illegale Götterdämmerungs-Besuch einzigartig.

Und nach der Trauerfeier bin ich exklusiv für die Blog-Leser natürlich noch auf die Suche gegangen. Es gibt sie noch die alte Drehtür! Allerdings hat man neben diese ein ständig besetztes Pförtnerhäuschen gebaut, an dem man ohne Hausausweis höchstens noch mit einer Tarnkappe vorbei kommt. Und damit wären wir schon wieder beim Ring – man kommt einfach nicht davon los.



„Das Rheingold“ als Videoclip!

Bei einem Jugendprojekt von Staatsoper, MusikZentrum Hannover und TVN stehen 50 Jugendliche vor der Kamera und erzählen Wagners Rheingold in Form von vier Musikvideoclips.

Kick-Off "Rheingold - Der Film"

Der Nibelunge Alberich als dicklicher Junge, der sich einer Gruppe attraktiver Teenagerinnen zu nähern versucht, von diesen aber mit üblen Beleidigungen zurückgewiesen wird? Wotan als Anführer einer coolen Frauengang, die im jugendlichen Überschwang einen Fernsehsender stürmt?

Warum nicht! Im Projekt Rheingold – Der Film, einer Zusammenarbeit von Staatsoper, MusikZentrum Hannover und TVN GROUP Film- und TV-Production, die von der Niedersächsischen Sparkassenstiftung und dem Musikland Niedersachsen bereits den Förderpreis Musikvermittlung 2009 verliehen bekommen hat, soll es darum gehen, für die emotionalen Grundsituationen in Wagners Das Rheingold Bilder aus der Welt von Jugendlichen zwischen 14 und 21 Jahren zu finden. Und von einem hübschen Mädchen zurückgewiesen und auch noch wegen der eigenen Körperlichkeit ausgelacht zu werden – das passiert beileibe nicht nur in den Fantasiewelten Richard Wagners!

Ein spielerischer Umgang mit den Inhalten und der Musik von Das Rheingold soll in vier Videoclips münden, die die Geschichte vom verspotteten Alberich und seiner zerstörerischen Wut, von Wotans Überheblichkeit und den daraus entstehenden Konflikten über ein typisches Medium der modernen Popkultur erzählen wollen.

Die vier Jugendlichen der Jugendband „Violent Girls“ sind schon eifrig dabei, an den vier Songs zu proben, die sie unter der Anleitung von Christoph van Hal, Trompeter bei „Wir sind Helden“ und Lead-Sänger der Gruppe „Tanner“, zu den vier Szenen von Wagners Oper geschrieben haben und die als musikalische Grundlage der Videoclips dienen.

Neben der Band bereiten sich etwa 50 Jugendliche verschiedenster sozialer und nationaler Herkunft in den kommenden Wochen intensiv auf die insgesamt acht Drehtage im April und Mai vor. Dabei galt es zunächst, die Teilnehmer für ein derartiges Projekt zu begeistern, denn für sie ist Oper zunächst einmal langweilig und doof, etwas für Opas und Omas, oft aber auch einfach nur die Kultur der besser verdienenden Schichten.

Federführend bei der Organisation und der Kommunikation mit Gesamtschulen und Jugendzentren ist das MusikZentrum Hannover, das auf eine langjährige Erfahrung im Bereich der Jugendarbeit zurückblicken kann und 2008 gemeinsam mit der Staatsoper und der Stadt Hannover die Rap-Oper „Culture Clash – Die Entführung“ mit 80 Jugendlichen zur Aufführung brachte – ein Projekt, das nicht nur den pro visio-Preis der Stiftung Kulturregion Hannover 2008 gewonnen hat, sondern auch über die Grenzen Hannovers hinaus für Aufsehen sorgte. Wie schon vor zwei Jahren ist auch bei Rheingold – Der Film die TVN GROUP Film- und TV-Production mit im Boot, die das Projekt in noch größerem Umfang als bei der Rap-Oper mit dem notwendigen Equipment und technischen Know-how unterstützt. Unter der Anleitung von Profis werden Auszubildende eine DVD produzieren, die Jugendlichen, ausgehend von den vier Musikclips, mit allerhand Begleitmaterial das Phänomen Oper auf lockere Art näher bringen soll.

Für die Umsetzung der Musikclips konnte als leitende Dozentin im Bereich Regie die namhafte Regisseurin Franziska Stünkel gewonnen werden, deren Kinospielfilm „Vineta“ (mit Peter Lohmeyer und Ulrich Matthes) mit mehreren Preisen im In- und Ausland ausgezeichnet wurde.

Bei der Auftaktveranstaltung am 22. Februar 2010 auf der Probebühne des Opernhauses sollte also zuallererst die Begeisterung der Jugendlichen für eine ihnen noch unbekannte Materie geweckt werden. Die Handlung des Rheingold im Schnelldurchgang, ein Ausschnitt aus der gewaltigen Musik von Richard Wagner, ein von den „Violent Girls“ live gespielter Song, ein Musikvideoclip von Christoph van Hal und Filmmaterial von Franziska Stünkel, aber auch schon eine kleine gemeinsam einstudierte Choreographie und eine kurze Stomp-Passage als Vorgeschmack auf das, was noch kommen wird – an abwechslungsreichen Eindrücken hat es in den anderthalb Stunden des „Kick off“ im Opernhaus nicht gefehlt. In verschiedene Gruppen eingeteilt trainieren die Jugendlichen in den kommenden Woche eine Choreographie (die möglicherweise im Wasser stattfinden wird?!), studieren eine Stomp-Nummer ein und üben sich im Kampftraining, damit die große Schlacht zwischen „Göttern“ und „Nibelungen“, zwischen Wotans und Alberichs Gang so gefährlich wie möglich aussieht, ohne dass sich jemand dabei verletzt. Denn spätestens wenn Franziska Stünkel „Achtung! Und Action!“ ruft, muss alles sitzen.

Ulrich Lenz



Aus der Schmiede

Alberich: „Alles geschmiedet und fertig gefügt, wie ich’s befahl!“
Das Rheingold, Dritte Szene

Durch eine Initiative der Staatsoper Hannover ist in der Goldschmiede Stichnoth im vergangenen Jahr ein ganz besonderes Schmuckstück entstanden: „Der Ring für den Ring“! In einer limitierten Auflage von nur 50 Stück konnte der exklusiv von der Goldschmiede Stichnoth entworfene Ring zusammen mit je zwei Eintrittskarten für die vier Ring-Premieren von allen Opernliebhabern als Erinnerung und als Symbol ihrer tatkräftigen Unterstützung des Kulturlebens in Hannover erworben werben.

Dramaturgie-Jahrespraktikant Marian Joel Küster (FSJ Kultur) schaute den Goldschmieden von Stichnoth über die Schulter und „vertonte“ seine filmischen Eindrücke mit Ausschnitten aus der Rheingold-Premiere an der Staatsoper Hannover (Alberich: Stefan Adam, Loge: Robert Künzli, Wotan: Renatus Mészár, Woglinde: Nicole Chevalier, Wellgunde: Julia Faylenbogen, Floßhilde: Mareike Morr; Niedersächsisches Staatsorchester Hannover, Musikalische Leitung: Wolfgang Bozic).