Karin Dzionara



Mein Ring: Karin Dzionara

Heute erscheint die SPIELZEIT, Theaterbeilage der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung, mit dem Programm von Hannovers Bühnen für den Monat Dezember 2009. Ein guter Anlass, um den Beitrag „Mein Ring“ von Karin Dzionara zu veröffentlichen.

Dzionara_KarinKarin Dzionara, Journalistin, studierte Germanistik, Geschichte, Philosophie und Romanistik und ist als Mitarbeiterin der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung seit 1999 verantwortlich für die Redaktion des Theatermagazins SPIELZEIT. Als Hörfunkautorin für den NDR hat sie eine besondere Affinität zu religiösen Themen – vor allem, wenn es dabei um Kunst und Musik geht. Eine aufregende Spurensuche – bisher noch nicht im Werk Richard Wagners, dafür aber im Klanguniversum des französischen Komponisten Olivier Messiaen.

Wagner, nein danke! Dass ich mich eines Tages doch noch in die Mythen- und Musikwelt Richard Wagners vortasten und seinetwegen nach Bayreuth reisen würde, wäre vor einigen Jahren nahezu unvorstellbar gewesen. Bitte keine nordischen Heldensagen und kein Walhall auf dem Grünen Hügel – allein der Begriff „Bühnenfestspiel für drei Tage und einen Vorabend“ klang beklemmend. Dazu diese merkwürdige geschlossene Gesellschaft, die sich während der Festspielwochen in der oberfränkischen Provinz trifft und die kleine markgräfliche Residenzstadt Sommer für Sommer zum Mittelpunkt der Wagner-Welt und seiner Helden macht. Auch als Hitlers Hoftheater. Beim Ring blieb ich gern auf Distanz. Und überhaupt: „Unglücklich das Land, das Helden nötig hat“, wie es Bert Brecht seinem Galilei in den Mund legt.

Dann aber doch erste vorsichtige Annäherungen, Tastversuche in Richtung Ring. Ausgerechnet mit Siegfried, dem Superhelden, in der Inszenierung von Hans-Peter Lehmann an der Staatsoper Hannover – „Nothung, Nothung, neidliches Schwert!“. Der Anfang war gemacht. Und plötzlich fallen einem Regisseure auf, die sich in Bayreuth mit Wagner beschäftigen, Jürgen Flimm, Tankred Dorst, Christoph Schlingensief, Stefan Herheim. Was, die also auch! Es muss sich wohl doch etwas Faszinierendes in Wagners gewaltigem Universum verbergen. Und das öffnete sich plötzlich auf bisher nie da gewesene Weise: mit Public Viewing auf dem Volksfestplatz am Stadtrand von Bayreuth, etwa zwei Kilometer hügelabwärts gleich hinter der Ausfallstraße. Wagner unter freiem Himmel, bei Sommersonne und Hefeweizen. Katharina Wagners Inszenierung der Meistersinger zum Auftakt der Bayreuther Festspiele 2008. Revolution! Wagner für alle – auf dem staubigen Festplatz war das sicher weniger ein Kunstgenuss, dafür aber ein Signal für die Öffnung. Und Anlass für ein paar entspannte Urlaubstage. Morgens beim Frühstück in einem gemütlichen Gasthaus Kritiken über die Ring-Aufführungen auf dem Grünen Hügel lesen, die man dort natürlich nicht gesehen hat, weil sich partout keine Karten mehr ergattern ließen, dann am Vormittag einen dieser wunderbaren Einführungsvorträge hören – zu den Vorstellungen der Tetralogie, die man im Anschluss zwar nicht miterleben wird, die aber in der Phantasie einen ganz besonderen Zauber entwickeln, ja, fast so als wäre man doch dabei gewesen. Mittags in der Fußgängerzone auf Menschen aus aller Welt mit den gelben Wagner-Reclamheftchen in der Tasche treffen, nichts als Wagner, seine Götter und seine Musik im Sinn, und sich abends schon auf den nächsten Vortrag freuen. Ohne Wagner mit Wagner kann also auch ganz schön sein. Ein Spaziergang durch den Garten der Villa Wahnfried, aber keine Heldenverehrung! Gleich neben der Museumsvilla liegt ein zauberhaftes kleines Brauhaus, Zeit zum Lesen: Wagners Ring ist voller Überraschungen.

Karin Dzionara
Redaktion Theatermagazin „Spielzeit“