Detlef Brandenburg ist Chefredakteur des Theatermagazins Die Deutsche Bühne, das vom Deutschen Bühnenverein in Köln herausgegeben wird. Er studierte Literaturwissenschaft, Philosophie, Musikwissenschaft und Kunstgeschichte und arbeitete zunächst als Dozent am Institut für Literaturwissenschaft der Christian-Albrechts-Universität Kiel sowie als freier Mitarbeiter verschiedener Rundfunk- und Printmedien. 1988 ging er als Feuilletonredakteur zunächst nach Ansbach, dann nach Kiel und schließlich nach Köln. Fachliche Schwerpunkte seiner Tätigkeit bei der Deutschen Bühne sind Musiktheater und Kulturpolitik. Verschiedene Publikationen über Theater, Oper und Kulturpolitik, u.a. „Wahn und Welt. Politische Aspekte der Rezeption von Wagners ,Der Ring des Nibelungen‘ in der Bundesrepublik Deutschland nach 1945“ in: wagnerspectrum 1/2006, hg. v. Udo Bermbach u.a.
Mein Ring
Meine erste Begegnung mit Wagners Ring des Nibelungen löste in meinem Leben zwei Dinge aus: den Kauf einer Stereoanlage; und die Überzeugung, dass mich dieses Werk ein Leben lang begleiten werde. Was man eben so denkt, wenn man mit 13, 14 Jahren seine ersten Entdeckungen abseits des elterlichen Horizontes macht. Ich dachte das damals auch von Hermann Hesse und Erich Fromm, von meiner ersten Freundin und von meiner Hammondorgel, von Deep Purple und Ekseption, von Ludwig van Beethoven, Che Guevara und vom schottischen Malz-Whisky.
Es war Sommer, und im Radio wurde „Bayreuth“ übertragen. Von Bayreuth wusste ich nicht wirklich, wo es lag. Und von Wagner hatte ich nie eine einzige Note gelesen. Aber ein Freund hörte immer „Bayreuth“, und irgendwann hörten wir zum ersten Mal den Ring. Ich war etwas enttäuscht, dass an vier langen Abenden kein einziges Mal der fliegende Holländer vorkam. Und wir hielten es zwar für seltsam, aber nicht für völlig ausgeschlossen, dass Siegfried „im Nachthemd“ rheinabwärts gen Worms fuhr, wie ich im 1.0-Kofferradio-Sound und möglicherweise etwas bewusstseinserweitert durch die Musik und besagten Whisky zu verstehen glaubte. Mit anderen Worten: Ich verstand nichts. Und doch ließ mich der Sog der Musik nicht los. Ihr einsaugender Rausch, ihre suggestiven Effekte – all das passte irgendwie in meine Vorstellungen von künstlerischer Höhe und der Vereinigung von U- und E-Musik im Geist der erwähnten Hammondorgel.
So etwas gibt sich. Irgendwann ist die Pubertät vorbei, und die Phasen, in denen der Verstand aus den Schüben hormonaufgeputschter Identitätsfindung auftaucht, werden länger. Vieles von dem, was ich damals für lebenslänglich hielt, war eines Tages vorbei. Wagners Ring aber verfolgt mich bis heute. Und das liegt keineswegs nur an meinem Beruf.
Allerdings: Meine Treue zu Wagner hatte Höhen und Tiefen. Nur ein paar Jahre später, und all das ganze Götter- und Sagengeschwurbel erschien mir reaktionär. Es gab Wichtigeres zu tun: in Brokdorf gegen das AKW demonstrieren, den Kapitalismus bekämpfen, autoritäre Professoren bestreiken… Ausgerechnet ein Dozent war es dann, der mir auf eine verächtliche Bemerkung hin eine kleine Schrift von George Bernard Shaw in die Hand drückte, mit dem unverdächtigen Titel: Ein Wagnerbrevier. Es wäre zuviel gesagt, dass mein Blick auf den Ring sich damit schlagartig verändert hätte. Aber meine Verachtung war doch so weit erschüttert, dass ich offen war für ein wegweisendes Erlebnis: die Fernsehübertragung von Patrice Chéreaus Bayreuther Ring-Inszenierung. Dass bei Wagner die Welt am „Kapital“ zugrunde geht – das hatte ich etwas ungläubig gelesen. Dass man das wirklich zeigen kann, hatte ich kaum für möglich gehalten. Nun erlebte ich es.
Seitdem sind mir viele Ringe begegnet. Allmählich ahne ich, warum man mit dem Ring einfach nicht fertig wird. Dieses Werk ist unglaublich wandlungs- und anpassungsfähig. Wie unbeleckt von Vorwissen, wie hochgerüstet durch Analyse man ihm auch begegnet: Es hat immer etwas zu bieten. Dieses Werk hält viel aus – auch von Seiten der Regisseure. Davon profitiert Barrie Koskys Rheingold-Inszenierung, die ich (wie in unserem Januarheft nachzulesen sein wird) szenisch effektvoll, konzeptionell aber nicht unbedingt lichtvoll finde. Aber sie funktioniert, die Musik trägt Koskys Ideenreichtum. Nur eines verträgt der Ring schlecht: Bühnenrealisationen, die einfach nur treu und textgläubig „die Geschichte“ erzählen wollen. Das hat seinen Grund. In Wagners Schriften kann man nachlesen, dass „die Geschichte“ für Wagner in einem außerordentlich reflektierten Sinn ein Mittel war, Gegenwart zu deuten. Deshalb sieht man, wenn einer „einfach nur erzählen“ will, nichts als ein leeres Vehikel auf der Bühne. Davon ist Barrie Kosky weit entfernt. Ob er allerdings auch weiß, was er will, konnte ich im Rheingold nicht erkennen. Aber er hat ja noch drei Abende vor sich. Nachdem ich in Bezug auf den Ring schon so oft eines Besseren belehrt wurde, bin ich gespannt auf die Fortsetzung in Hannover. Und natürlich auf Siegfrieds Nachthemd.
Detlef Brandenburg
Chefredakteur Die Deutsche Bühne
ring-blog.de
