Erwin Schütterle, 1944 geboren im schwäbisch-alemannischen Grenzbereich, zunächst Beamter im mittleren Postdienst, wurde als Bertelsmann-Manager 1974 ungefragt nach Hannover „befördert“. Seit Mitte 2008 Geschäftsführer des Freundeskreises Hannover, in dem er viele Jahre im Vorstand mitwirkte. Ansonsten weit über Hannover bekannt als Gründer und mit Herzblut arbeitender Betreiber der hannoverschen Kult-Konzertstube KANAPEE, die er nach 28 Jahren und 3625 höchstpersönlich präsentierten Konzerten an seinen langjährigen Mitarbeiter übergab.
Wer hat Angst vor Wagners Ring?
Persönliche Rheingold-Eindrücke eines Nichtwagnerianers
Vorweg: Ich bin zweifellos ein offener, begeisterungsfähiger Opernfreund – aber kein eingefleischter Wagnerfan. Bisher sah ich Wagners Frühwerke Lohengrin, Holländer und immer wieder Tannhäuser. Letzteres sogar in Bayreuth, aber nicht wegen Wagner, sondern wegen der Frage, wie Tannhäuser es schafft, Lust und Liebe unter einen Hut zu bekommen.
Wagners Ring war mir immer irgendwie suspekt. Zu schwer, zu laut, zu lang, zu unverständlich und überhaupt viel zu mystisch. Hab schon meine Probleme mit der griechischen Götterwelt, was soll ich mich jetzt noch mit den nordischen Göttern befassen, wo wir doch genug derzeitige Probleme haben? So bin ich (in jeder Beziehung) ringlos 65 geworden. Offenbar brauchte ich diese lange Anlaufzeit (und die ansteckende Ringleidenschaft, der mir persönlich sehr nahe stehenden Opernintendanten Prof. Lehmann und Dr. Klügl) um mich endlich auf das erste Ring-Abenteuer einzulassen.
Wie es sich gehört, informiere ich mich vorab im lustigen „einzig wahren Opernführer“ und im seriösen „Handbuch Oper“ über das Werk. Mir ist nun bekannt, dass Wagner auch ein genialer Texter war. „Mir dünkt“ aber, dass seine Sprache und Ausdrucksweise – speziell in der gesungenen Variante – heutzutage nicht sofort zugänglich sind. Das dürfte aber das kleinste Problem sein, die Texte werden ja eingeblendet.
Staatsoper Hannover, 28.11.2009: Rheingold. 3. Aufführung. Alle Sängerinnen und Sänger gesund. Ein Wunder. Das Opernhaus genauso voll wie der Orchestergraben (mache mir Sorgen um die Streichfähigkeit der Streicher). Habe das Gefühl, ein anderes Publikum als sonst (bei Verdi & Co.) vorzufinden.
Die ersten Töne: pianissimo. Der Vorhang hebt sich. Irgendwie ist dieser erste Blick auf die Bühne genauso wichtig, spannend und prägend, wie der erste Satz in einem Buch. Der Opernbesucher weiß, dass der erste Akt tief unten im Rhein sich abspielt – und wird mit einer gigantischen strahlenden Revuebühne mit reizenden Revuetänzerinnen und reizvollen Rheintöchtern mit „wellwogenden“, riesigen Federfächern total überrascht. Er möchte allein wegen des Bildes spontan klatschen …
Keine weiteren Beschreibungen – dafür mein Resümee: Ich habe die gesamten 2½ Stunden Rheingold ohne eine einzige unaufmerksame Sekunde „aufgesogen“ und genossen. Mir ist absolut einerlei, ob ein Regisseur alt, neu, modern oder radikal inszeniert. Für mich zählt nur eins: Der Regisseur muss mir die Oper überzeugend und ohne Mätzchen näher bringen. Nicht „seine“ Oper, sondern die Oper des jeweiligen Komponisten. Dem Vernehmen nach ist für eingefleischte Wagnerianer diese Inszenierung (wieder mal) viel zu modern. Ich Ringneuling habe während und nach der Oper mich nicht ein einziges Mal gefragt, was will der Regisseur mir mit seinen Bildern und Einfällen sagen (mein höchstes Kompliment für eine Regie) – ich habe nur Wagners Rheingold gesehen: Erhellend, federleicht (manchmal konnte man im Publikum eine gewisse Heiterkeit wahrnehmen) und trotzdem so beklemmend, wahr und zeitlos. Ich sah (ohne „Wink mit dem Holzhammer“) grenzenlose Gier nach Besitz und Macht, Neid, dumpfe Dummheit, vermeintliche Schlauheit, geifernde Geilheit, wohlbekannte Eitelkeit (will keinen Namen nennen, Herr Berlusconi), Lug und Trug bis hin zum Mord. Ich vernahm den irren Wunsch nach ewiger Jugend und zwischen den Zeilen die Sehnsucht nach Liebe. Ich sah eine gänsehauterzeugende (diesmal völlig zu recht) nackte Mutter Erde, die (vergeblich?) versucht, all die abgehobenen und untergetauchten Verrückten zur Vernunft zu bringen.
Ich hörte keine Musiknummern, sondern ein einziges fesselndes Musikstück mit wenigen extrem-dynamischen Ausrufezeichen. Ich spürte die Energie des Dirigenten, Wagners Musik in seinem Sinne auszudrücken und die Bereitschaft seines Riesenorchesters, ihm hierbei zu folgen. Ich hörte und sah vorzügliche Sänger/Darsteller, denen ich bei diesem ersten Besuch beim besten Willen keine Einzelnoten geben kann. Dafür war ich viel zu sehr mit dem Rheingold beschäftigt.
… und dem Bild vor meinem Auge: Keine glatte, eher eine steinige Götterwelt, die in einem überdimensionalem Fernsehmonitor agiert – oder war es ein Kasperletheater? Einer schafft gerade noch im letzten Moment des Schlussakkordes den Absprung aus dieser (Geld-)Scheinwelt und freut sich wie ein Schneekönig.
Ich freue mich über die Erweiterung meines Opernhorizontes und bin so was von gespannt auf die Fortsetzung …
Erwin Schütterle
KANAPEE-Gründer, jetzt Geschäftsführer des Freundeskreises Hannover e.V.
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