Die Walküre
Zweiter Aufzug, Erste Szene
Wotan
Unheilig acht ich den Eid,
der Unliebende eint;
und mir wahrlich mute nicht zu,
dass mit Zwang ich halte, was dir nicht haftet:
denn wo kühn Kräfte sich regen,
da rat ich offen zum Krieg.

Die Walküre
Zweiter Aufzug, Erste Szene
Wotan
Unheilig acht ich den Eid,
der Unliebende eint;
und mir wahrlich mute nicht zu,
dass mit Zwang ich halte, was dir nicht haftet:
denn wo kühn Kräfte sich regen,
da rat ich offen zum Krieg.

Stefan Mauß ist Hannover und seiner Oper seit seiner Geburt 1963 relativ treu. Nach der frühen Erkenntnis, weder am Klavier noch mit seinem Bass einen Blumentopf gewinnen zu können, verlegte er sich wie viele verhinderte Künstler auf das Schreiben über Musik. Nach Anfängen bei der HAZ, den Niedersächsischen Musiktagen und dem NDR begann er als Autor bei der Fachzeitschrift Das Opernglas (Hamburg), für die er seit vielen Jahren Monat für Monat über Merk-Würdiges aus der Opernszene von A(arhus) bis Z(ürich) berichtet.
Es gibt wohl keinen würdigeren Ort und Zeitpunkt für diesen Beitrag zum Ring-Blog der Staatsoper Hannover. Ich sitze am 11. April im Regionalexpress von Nürnberg nach Bayreuth, auf dem Weg zur Trauerfeier für Wolfgang Wagner im dortigen Festspielhaus. Und nirgends kann man konzentrierter über die Frage nachdenken: „Was verbindet mich mit dem Ring des Nibelungen?“
Etwas Ungewöhnliches zunächst: Ein vorsätzlicher Hausfriedensbruch gemeinsam mit einem angehenden Staatsanwalt ist mein bislang prägendstes Erlebnis mit Wagners Ring. Auf den ersten Blick klingt das vielleicht etwas ungewöhnlich, aber zum Stück passt es perfekt: Schließlich begeht Göttervater Wotan ja zusammen mit Loge ebenfalls nichts anderes als einen Hausfriedensbruch in Nibelheim – und das soll in den folgenden 13 Stunden bekanntermaßen auch nicht der letzte Gesetzesbruch in der Tetralogie bleiben.
Natürlich hatte auch ich davor eine „Wagnervorgeschichte“, wünschte mir den Solti-Ring auf Schallplatten zusammen und hatte hier in Hannover als Schüler schon die einzelnen Ring-Teile in der damals schon sehr verstaubten Reinhard Lehmann-Inszenierung gesehen – bis auf die Götterdämmerung. Dann wurde 1983 meine Schwägerin schwanger (wenn man über den Ring schreibt, kommen die Alliterationen von ganz allein), und ich durfte meinen älteren Bruder an ihrer Stelle nach Bayreuth zu Götz Friedrichs Inszenierung des Parsifal und Jean-Pierre Ponnelles zauberhaft schönen Tristan begleiten.
Die Ankunft in Bayreuth desillusionierte mich zunächst. Ab Nürnberg zuckelte der Bummelzug endlos Richtung Bayreuth und gegen unser Zimmer im dortigen „Gasthof Vogel“ erschienen mir die Jugendherbergen auf Klassenfahrten wie das Hotel „Adlon“. Beim ersten Anblick des Festspielhauses im Original war das aber alles sofort vergessen. Obwohl wir erst Karten für den nächsten Tag hatten, machten wir natürlich sofort nach dem Kofferauspacken dem Hügel unsere Aufwartung. Das taten wir selbstredend zu Fuß wie einst Toscanini, der seinen Chauffeur im Wagen allein mit den Worten sitzen ließ: „Bei Wagner fährt man nicht vor, dahin pilgert man zu Fuß!“
Es war der Abend der Götterdämmerung-Premiere, Sir Georg Solti dirigierte seinen ersten und einzigen Sommer in Bayreuth. Das wussten damals aber weder er noch die Öffentlichkeit. Dass gerade dieser Wagner-Experte am Grünen Hügel mit seinem Konzept nach nur einer Saison scheitern sollte, muss man heute zwar als besondere Ungerechtigkeit der Musikgeschichte werten. Aber der Grüne Hügel hatte schon von jeher seine eigenen Gesetze. Das Medieninteresse war natürlich enorm: Übertragungswagen aus aller Herren Länder umringten das Festspielhaus, und lauernd lugten mein Bruder und ich durch die kleinste Klinze der Tür des kanadischen Radiobusses, wo wir auf einem Kontrollmonitor in schwarz-weiß den ersten Aufzug nicht nur hören sondern auch sehen konnten. Die Kanadier hatten Mitleid mit den verrückten deutschen Jung-Wagnerianern und baten uns netterweise herein. Dadurch hatten wir jetzt natürlich erst richtig Ring-Blut geleckt und in der ersten Pause ging es uns dann mit dem Festspielhaus so wie einem späteren Bundeskanzler mit dem Kanzleramt: Wir wollten da rein! Egal wie.
Wir mussten also den Pfad der Legalität ein wenig verlassen. Mein großer Bruder kannte einen Schleichweg, den er schon als Schüler genutzt hatte. Eine alte, mit heiligem Rost patinierte Drehtür hatte etwas Spiel in beide Richtungen und mit etwas Geschick und damals rankem Körperbau befanden wir uns in einer anderen Welt: auf dem Gelände des Festspielhauses. Wir schritten kaum, doch wähnten uns schon weit … Unser Ziel hatte mein Bruder mir schon vorher definiert: der Beleuchterturm auf der rechten Bühnenseite. Was jetzt folgte, war für mich der „Wagner-Overkill“: Durch den unterirdischen Verbindungsgang näherten wir uns dem Bühnenhaus. Dieser Gang macht jedem Wagnerianer und vor allem jedem Künstler weiche Knie: An seinen Wänden hängen beidseits Porträts aller Dirigenten, die je in Bayreuth dirigiert haben. Doch damit nicht genug. Da wir offensichtlich nicht wie hinterhältige Hausfriedensbrecher aussahen, wurden wir von allen uns entgegenkommenden herzlich begrüßt, Siegfried Jerusalem, der damals noch den Stolzing sang, war der Erste, den wir trafen. Dann erreichten wir endlich die Treppe zum Beleuchterturm. Wir mussten weichen, denn sie wurde komplett ausgefüllt durch den uns in Kostüm und Maske entgegenkommenden Aage Haugland, der den Hagen sang und auch so aussah. Zwischendurch ermahnte mein Bruder mich immer wieder, mir den Rückweg genau einzuprägen, da Festspielleiter Wolfgang Wagner damals noch sehr flink zu Fuß war und mit einer Taschenlampe schon einmal auf die Suche nach Eindringlingen in sein Walhall ging. Aber wir bewegten uns sicher wie mit Tarnhelmen durch das Haus und kamen schließlich auf dem Turm an. Es bot sich eine exzellente Sicht, im zweiten Aufzug in Peter Halls Inszenierung war dort zudem ein Auftrittspunkt für die Solisten: Für Siegfried und Gutrune macht man ja gerne einmal Platz. Es war schon ein faszinierender Gedanke, einmal einen Schritt nach vorne zu machen und unversehens in den Fokus der Wagner-Welt treten zu können oder einfach Siegfried am Ärmel festzuhalten, um ihn am todbringenden Eid zu hindern. Teile der Bayreuther Ring-Geschichte hätten neu geschrieben werden müssen. Wir sahen natürlich davon ab, es passierte ja auch zu viel anderes. Nach der Speereidszene etwa eilte Siegfried-Darsteller Manfred Jung erbost wieder von der Bühne an uns vorbei mit den mir unvergessenen Worten: „Dieser Solti sollte sich erst mal die Noten kaufen!“ Ich war schockiert: so sprach man doch nicht über das Dirigentenidol meiner Jugend, vermied aber natürlich die Diskussion mit dem Wälsungensproß. Zum Aufregen blieb auch kaum Zeit, denn die zweite Pause wollten wir möglichst unverdächtig verbringen und schummelten uns in die Künstlerkantine: Zwischen Peter Hofmann und Hans Sotin an der Kassenwarteschlange zu stehen war auch ein unvergesslicher Teil dieses sehr realen Wagner-Märchens. Zugleich starb aber dabei auch ein wenig das romantisch verklärte Bild der Oper und wich einer gewissen Backstage-Realität: Selbst ein Gralskönig muss sich in Bayreuth für einen Pausenkaffee anstellen– und dass Gralshüter Gurnemanz am nächsten Tag während der Aufführungspause Bayreuther Maisels-Weißbier trank, überraschte mich ebenfalls ein wenig, erklärte aber auch, aus welchen Quellen der Gral seine wirkliche Kraft bezog.
Nach der lechzenden Labung in der Pause ging es wieder auf „unseren“ Turm, und wir erlebten einen der spektakulärsten Umbauten der Bayreuther Geschichte mit. Sir Georg Solti hatte sich für seinen Ring Feuer, Wasser und Wald gewünscht. Für Auf- und Abtritt der Wassermassen wurde eigens eine gigantische Zisterne unter der Bühne installiert, so etwas gibt es auch nur in der Werkstatt Bayreuth. Für die Rheintöchter hatte das Produktionsteam einen besonders genialen Einfall: Die Damen tummelten sich in einem flachen Pool am Bühnenboden, der dann mittels großer Spiegel auf den Portalschleier in die Senkrechte projiziert wurde. So bekam der Zuschauer die Vorstellung, Flosshilde und Co. würden vom Grund des Rheins bis zur Wasseroberfläche schwerelos schweben, während sie in Wirklichkeit nur ein wenig im Bassin planschten. Unser Versteck befand sich nun nicht so weit von der Wasseroberfläche entfernt und es nahten die Rheintöchter in Bademänteln – ich hatte mich schon immer gefragt, wie sich diese Wesen auf dem Grunde des Rheins vor Verkühlungen schützten. Dann sahen wir wieder etwas, das den Premierenbesuchern vorenthalten wurde: Wolfgang Wagner half, ganz Kavalier alter Schule, den jungen Damen aus den Mänteln, unter denen sie nichts als ein skeptisches Lächeln trugen, denn sie Temperatur des Wassers hätte wohl etwas höher liegen dürfen. Aber welche Opfer bringt man nicht für Bayreuth? Sie stiegen wie Gott, Pardon, Wotan, sie geschaffen hatte in den Pool. Es ging ganz anders aufregend weiter: Der finale Weltenbrand war nicht weniger aufwendig: Eine gigantische Hub-Hydraulik machte den Bühnenboden zur Bühnendecke, es war nun endgültig um mich geschehen: Der Ring hatte mich durch diesen Hausfriedensbruch nun komplett in seinen Bann gezogen.
Noch wagte ich nicht davon zu träumen, dass ich später auch beruflich häufig nach Bayreuth zurückkehren dürfte. Inzwischen habe ich auch Katharina Wagner längst diesen pubertären Hausfriedensbruch persönlich gestanden und schmunzelnd Absolution von ihr erhalten, so dass mich dieses Outing hier im „Ring-Blog“ nicht den Kopf kostet. Aber dennoch bleibt dieser erste und illegale Götterdämmerungs-Besuch einzigartig.
Und nach der Trauerfeier bin ich exklusiv für die Blog-Leser natürlich noch auf die Suche gegangen. Es gibt sie noch die alte Drehtür! Allerdings hat man neben diese ein ständig besetztes Pförtnerhäuschen gebaut, an dem man ohne Hausausweis höchstens noch mit einer Tarnkappe vorbei kommt. Und damit wären wir schon wieder beim Ring – man kommt einfach nicht davon los.

17./18. April: Drehtage im Opernhaus
Im Foyer des Opernhauses hört man lautes Gekreische und Autogrammwünsche: Alberich, hier! Wir lieben dich! Alberich, mein Shootingstar! Das klingt nach dem Jugendprojekt Rheingold – Der Film! Alberich, im realen Leben Akin, 17 Jahre alt, wird in einer „Exklusiv-Reportage“ von einer Moderatorin auf einem roten Teppich in der Kassenhalle des Opernhaus bei der Abendvorstellung Il viaggio a Reims gefilmt. Seine Statisten-Fantraube ist groß und wird durch „echte“ Zuschauer noch größer.
Am nächsten Tag geht es gleich weiter mit dem Dreh im Opernhaus: Nun heißt es „Kampf ab“! Die Wotan-Gang gegen die Alberich-Gang. Da fliegen schon die Fetzen, Stühle werden geschmissen, die Lara-Croft-Catsuits ausgepackt – und zu guter Letzt stirbt auch noch ein Riese! Die Jugendlichen zeigten ihre gut einstudierten Kampsequenzen und schwitzten im Scheinwerferlicht, was das Zeug hielt!
Gundel Gebauer

Die Walküre
Erster Aufzug, Dritte Szene
Siegmund
Nenne mich du, wie du liebst, dass ich heiße:
den Namen nehm’ ich von dir!

Ein Video über Die Walküre finden Sie auf der Seite von Theater-TV:
http://www.theater-tv.com/?link=staatsoper_hannover&video=walkuerehan.flv